Danke, Robert: Der Moment, in dem Habeck seiner Co-Vorsitzenden Baerbock die Kandidatur überlässt
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Danke, Robert: Der Moment, in dem Habeck seiner Co-Vorsitzenden Baerbock die Kandidatur überlässt.

Alle Blicke auf Baerbock

„Die Bühne gehört dir”: Die Grünen und ihr geschickter Seitenhieb gegen den großen Rivalen

  • Mike Schier
    vonMike Schier
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Es ist der Gegenentwurf zur Union: Die Grünen heben Annalena Baerbock mit großer Einmütigkeit auf den Schild. Die Kandidatin gibt sich bei der Präsentation bewegt. Sie will einen neuen Stil prägen.

München – Für einen Augenblick wirkt es so, als wolle Annalena Baerbock Robert Habeck um den Hals fallen. Aber dann besinnt sie sich. Corona! Abstand! Also streckt sie ein wenig hilflos nur einen Arm aus, berührt den Mann, mit dem sie seit drei Jahren die Grünen führt, flüchtig am Oberarm. Dann verkrümelt er sich. Ganz getreu dem letzten Satz seiner Ansprache: „Annalena, die Bühne gehört dir.“

So also lässt sich ein Machtkampf entscheiden (News-Ticker). Monatelang hatten Habeck und Baerbock hinter den Kulissen die Lage sondiert und schließlich eine Entscheidung gefällt. Wer genau hinhört, kann erahnen, dass es keineswegs einfach war. „Wir beide wollten es, aber am Ende kann es nur eine machen“, sagt Habeck. Es seien „vertrauliche, vertraute, intensive und offene, manchmal auch schwierige Gespräche“ gewesen. Auch Baerbock berichtet, es sei „nicht immer einfach“ gewesen. Jeder habe es dem anderen zugetraut. Vor Ostern habe man sich schließlich entschieden. „Natürlich hat auch die Frage der Emanzipation eine entscheidende Rolle gespielt.“ Annalena Baerbock wird die einzige Frau sein, die nach dem Kanzleramt greift.

Annalena Baerbock und Robert Habeck, der Mann an der Seite der Kanzlerkandidatin

Eine so einsame, pardon zweisame Entscheidung hat es in Zeiten der Urwahlen lange nicht gegeben. Keiner in der Partei traute sich, für den einen oder die andere Wahlkampf zu machen. Annalena und Robert würden es schon machen. Das passt zur demonstrativen Harmonie dieses Duos, das bei seiner Wahl im Januar 2018 mit einer langen grünen Tradition gebrochen hatte: Erstmals führten zwei Realos die traditionell in Flügel gespaltene Partei. In den Umfragen dümpelten die Grünen damals bei elf Prozent herum – etwa halb so stark wie die SPD. In ihrer Bewerbungsrede musste die bis dato weitgehend unbekannte Bundestagsabgeordnete Baerbock noch betonen: „Wir wählen hier heute nicht nur die Frau an Roberts Seite, sondern die neue Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.“ Jetzt ist Robert der Mann an der Seite der Kanzlerkandidatin. „Ich wollte immer, dass Macht so gelebt wird, dass man aneinander wächst und nicht sich gegenseitig die Beine wegtritt“, sagt Habeck heute.

Ein klein wenig nervös wirkt Baerbock schon, als sie schließlich Corona-konform alleine auf der Bühne im fast leeren Raum steht. Ein paar Mal verhaspelt sie sich. Manchmal wirkt sie ehrlich bewegt von der Macht des Moments. „Heute beginnt ein neues Kapitel für unsere Partei – und wenn wir es gut machen, auch für Deutschland“, sagt sie und fängt an, bilderreich ihre Pläne zu umreißen. Kitas und Schulen sollten zu den „wirklich schönsten Orten“ werden. Pflegekräfte sollten Zeit für Patienten haben. Die digitale Verwaltung solle funktionieren. Mut, Tatkraft, Aufbruch. Es klingt wie politisches Werbefernsehen. „Zukunft ist nichts, was einfach so passiert. Wir haben es in der Hand, und deshalb stehe ich heute hier.“ Die Botschaft ist klar: Während drüben bei der Union viel über Parteigremien und Landesvorstände gestritten wird, gestalten die Grünen die Zukunft. Und zwar möglichst wolkig. Um es mit Baerbock zu sagen: „Eine Politik, die vorausschaut, was Neues wagt, die den Menschen zuhört und ihnen was zutraut – dafür trete ich an.“

Die Grünen vor der Bundestagswahl: Bekannte Inhalte werden geschickter verpackt

Es ist jene Strategie, die den Grünen einen regelrechten Höhenflug beschert hat. Unter dem Duo Baerbock/Habeck verdoppelten sich die Umfragezahlen. Gute Laune, schöne Bilder, wenig konkrete Angriffspunkte. Flugverbote, Veggieday und hohe Benzinpreise? Inhaltlich hat sich die Partei nicht verändert, sie verpackt es nur geschickter. Und bei all dem Gerede von der Neuerfindung Deutschlands wird auch großzügig verschwiegen, dass die Grünen selbst längst mitgestalten: An elf der 16 Landesregierungen sind sie beteiligt, nicht zuletzt in Berlin. Dass dort digitale Verwaltung, Pflege oder Schulwesen als Blaupausen für Baerbocks Visionen herhalten könnten, ist nicht überliefert.

Ob diese Strategie bohrende Fragen im Wahlkampf übersteht? Baerbock wird überzeugen müssen, wenn sie jetzt ins Scheinwerferlicht rückt. Ihr größtes Manko spricht sie selbst an: „Ja, ich war noch nie Ministerin“, sagte sie. Aber „ich bringe einen klaren Kompass und Lernfähigkeit mit“. Näher als bei den erfolglosen Jamaika-Verhandlungen 2017, als sie für das Thema Europa zuständig war, ist sie der Macht nie gekommen. „Ich trete an für Erneuerung“, setzt sie dem entgegen. „Für den Status quo stehen andere.“ Sie spricht von „einer anderen politischen Kultur – nicht gegeneinander, sondern miteinander“. Den Wahlkampf wollen Baerbock und Habeck deshalb gemeinsam führen. Er soll auch mögliche Koalitionsverhandlungen vorbereiten. Als Ex-Minister in Schleswig-Holstein hat er sogar Erfahrung, wie man sie zu einem erfolgreichen Ende bringt. Bei Baerbocks Jamaika-Erlebnis verließ die FDP den Verhandlungstisch.

Die Partei reagiert begeistert angesichts der Personalie. „Bei uns Grünen sind Lösungen für politische Herausforderungen entscheidend, darauf verwenden wir unsere Energie – Personalfragen kommen erst danach“, sagt Ludwig Hartmann, Fraktionschef im Landtag. Baerbock könne eine „wirkliche Kanzlerin für das ganze Land“ werden, sagt Winfried Kretschmann, Ministerpräsident aus Baden-Württemberg. „Sie ist eine Frau aus dem Westen, die aber im Osten seit vielen Jahren Politik gestaltet.“

Baerbock gilt als Liebling der Basis, auch wenn Habeck rhetorisch sicher besser ist. In Bundestag wie Partei schätzt man aber ihre Sachkompetenz und ihr Verhandlungsgeschick. Intern hatte man länger damit gerechnet, dass es auf Baerbock als Kandidatin hinauslaufen könnte – auch weil Habeck mit seiner legeren Art immer mal wieder ein verbaler Patzer unterlief.

Jetzt richten sich alle Blicke auf Baerbock. Ihre Chancen werden sich schließlich auch dadurch definieren, ob Corona im Herbst immer noch alles dominiert. Über die Pandemie spricht Baerbock kaum. Ihre Botschaft ist eine andere: „Klimaschutz ist die Aufgabe meiner Generation.“ (Mike Schier)

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