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Kardinal Marx kann die Bischöfe für eine Reformdebatte gewinnen.

Neue Konzepte

„Das machen die Leute nicht mehr mit“: Kardinal Marx fordert offene Debatte über kirchliche Sexualmoral

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Unter dem Druck massiver Missbrauchsvorwürfe macht sich die katholische Kirche in Deutschland auf den Weg. Die drängende Debatte über Gewaltenteilung in der Kirche, Zölibat und Sexualmoral soll gemeinsam mit den Laien geführt werden.

Lingen – „So kann es nicht weitergehen.“ Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, hat offensichtlich verstanden, dass sich die Gläubigen in der katholischen Kirche nicht mehr mit blumigen Versprechungen, unverbindlichen Dialogforen oder gar kirchlichen Machtworten beeindrucken lassen.

Bischöfe stimmen für Debatte über kirchliche Sexualmoral 

Gestern konnte Marx im niedersächsischen Lingen nach einer durchaus kontrovers verlaufenden Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) einen einstimmigen Beschluss verkünden: Die Bischöfe wollen mit dem obersten katholischen Laiengremium, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), und Experten von außen über Machtabbau bei den Klerikern, den Zölibat und die kirchliche Sexualmoral debattieren. Und zwar „ergebnisoffen, verbindlich, transparent, mit klarer Zeitschiene“.

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Am Ende könnte, sagt Marx, ein Brief an den Papst stehen, in dem konkrete Reformwünsche für die Kirche formuliert werden. Der Münchner Erzbischof ist sich darüber im Klaren, dass ein solcher Prozess auch scheitern kann. „Aber darf ein Bischof Angst haben vor einem synodalen Weg? Das darf ja wohl nicht wahr sein. Und was ist die Alternative?“

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Einer der Bischöfe habe kurz vor Ende der Vollversammlung gefragt: „Wollen wir auf den heiligen Rest vertrauen? Klein, aber fein?“ Also weiterschrumpfen, bis nur noch die vermeintlich „wahrhaft Glaubenden“ übrig bleiben? „Das ist nicht meine Kirche“, sagte Marx mit Bestimmtheit. Man müsse sich laut austauschen, nichts verschweigen und „aushalten, dass jemand eine andere Meinung hat“. Was die Stunde geschlagen hat, haben dann wohl auch die anderen Orts- und Weihbischöfe verstanden: Eine halbe Stunde vor Ende der Tagung wurde der synodale Weg einstimmig beschlossen. Vor Beginn der Versammlung hatte es große Skepsis gegeben, ob sich die Bischöfe auf einen gemeinsamen Beschluss verständigen könnten, zu unversöhnlich schienen sich die beiden Lager gegenüberzustehen.

Bischöfe mehrheitlich für Veränderungen offen

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz war sichtlich erleichtert. „Selten habe ich eine solche Atmosphäre erlebt und so intensive Debatten – kontrovers, aber immer im gegenseitigen Respekt.“ Bei der überwiegenden Mehrheit der Bischöfe herrsche Einigkeit, dass Veränderungsbereitschaft bestehe. Dahinter versteckt sich aber der Hinweis, dass es Bremser gibt.

Noch von Lingen aus hatte Kardinal Marx mit ZdK-Präsident Thomas Sternberg telefoniert: Die Laien gehen den Weg mit. Und das trotz der schlechten Erfahrungen, die das Gremium mit dem „Gesprächsprozess“ von 2011 bis 2015 gemacht hatte, wo die Bischöfe von vornherein die „heißen Eisen“ aus Angst vor Ärger mit Rom ausgeklammert hatten. Marx weiß: „Das machen die Leute nicht mehr mit, da war eine große Unzufriedenheit.“ Und ganz in Papst-Franziskus-Manier formuliert er mit Blick auf die Gläubigen: „Es ist schließlich ihre Kirche, nicht die der Bischöfe. Es ist ihre Heimat.“

ZDK pocht auf zielgerichteten Austausch

Das ZdK steht bereit, eine Gemeinsame Konferenz und Tagung im September vorzubereiten, „wenn der Wille zu wirklicher Veränderung erkennbar wird“, erklärte Sternberg. Allerdings bleibt die Reaktion verhalten. „Es muss klar sein, was da beraten und entschieden werden soll.“ Ein Gesprächsprozess mit offenem Ausgang würde nur Frustration bedeuten: „Die Leute wollen jetzt Reformen sehen.“ In Unverbindlichkeit dürfe das nicht abrutschen. Gewünscht hätte sich Sternberg von den Bischöfen den Mut, „wirklich den Frauendiakonat und die Priesterweihe für bewährte verheiratete Männer“ als konkrete Reformen zu benennen.

Kirche muss handeln, nicht nur reden

Die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ begrüßt den Beschluss, mahnt aber: „Die Zeit drängt. Das Zeitfenster, in dem die Kirche ihre Glaubwürdigkeit wiedererlangen kann, schließt sich.“ Beim Reden dürfe es nicht bleiben, ein gemeinsamer Brief nach Rom am Ende eines Prozesses wäre „ein starkes Zeichen“, so Sprecher Christian Weisner. Zudem dürfe die Teilnahme nicht auf das ZdK beschränkt werden. „Wir hoffen, dass die Zäsur von allen Bischöfen verstanden wird.“

Mitte April hat sich auch der frühere Papst Benedikt zu den Missbrauchsfällen in der Kirche geäußert - mit einer provokanten These: Mitschuld hätten die 68er und die sexuelle Revolution, meint er.

Claudia Möllers

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