Karl Lauterbach zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF)
+
Karl Lauterbach zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF)

„Das kann ich mir nicht erklären“

„Ganze Generation durchseucht“: Lauterbach begrüßt bei Lanz „Stiko-Fremdgehen“ - und irritiert Ethikerin

Die „Markus Lanz“-Runde diskutiert Corona-Impfpflicht und Kinderimpfung. Karl Lauterbach teilt dabei erneut gegen die Stiko aus.

Hamburg - Markus Lanz debattiert am Donnerstagabend das Coronavirus und seine Folgen. Im Zentrum steht dabei zunächst die Impfpläne der Gesundheitsminister für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren - vorbei an der Ständigen Impfkommission (Stiko).

Für Karl Lauterbach (SPD) ist diese Entscheidung eine gute Nachricht: „Wenn wir ein normales Schuljahr für die Kinder haben wollen, dass die Kinder in die Schule gehen können, ohne dass sie ständig durch Quarantäne Schulunterbrechungen haben, wenn die Kinder auch die Sicherheit genießen wollen, die wir schon als geimpfte Erwachsene genießen und wenn wir verhindern wollen, dass eine ganze Generation von Kindern das Risiko läuft, durchseucht zu werden mit der nicht ungefährlichen Delta-Variante, dann ist das eine gute Nachricht. Das ist eine Nachricht, die eigentlich schon früher fällig gewesen wäre.“

Die Ethikerin Christiane Woopen weist darauf hin, dass Impfstoffe ohnehin ab zwölf Jahren zugelassen seien, die Stiko lediglich auf eine allgemeine Empfehlung verzichte. Deshalb finde sie „die Aussage ‚Wir machen jetzt ein Impfangebot an die Jugendlichen ab zwölf‘ entweder total banal, weil es das schon gibt. Oder es ist eine Empfehlung, die dann die Stiko weggrätscht. Und das kann ich mir nicht erklären, wie Politiker plötzlich zu anderen Einsichten kommen können, als die Stiko.“

Corona-Diskussion bei „Markus Lanz“: „Die Politik ist wissenschaftlich fremdgegangen“

Lauterbach versucht, Licht ins Dunkel zu bringen: „Die Politik ist ja bisher bei der wissenschaftlichen Beratung, was Impffragen angeht, immer der Stiko gefolgt. Und hier hat sich die Politik nicht selbst irgendwas ausgedacht, sondern sie ist nicht der Stiko, sondern anderen Wissenschaftlern gefolgt. Einfach ausgedrückt: Sie ist wissenschaftlich fremdgegangen, sie hat sich auf andere Wissenschaftler verlassen.“ Grund dafür seien, erklärt Lauterbach, „stark evidenzbasierte Studien“, die das Risiko einer Durchseuchung dem Impfrisiko gegenüberstellen.

Der Stiko, erklärt Lauterbach, habe man „unfassbar viel“ zu verdanken, „und die haben in der Vergangenheit auch erstklassige Arbeit gemacht. Das wird auch wieder kommen“. Talkmaster Lanz bringen diese Aussagen auf Betriebstemperatur: „Aber wer beurteilt das denn, Herr Lauterbach? Politiker beurteilen, ob die in der Vergangenheit gut waren?“ Lauterbach verweist auf das Hin und Her der Stiko beim Astrazeneca-Impfstoff und bleibt dabei: „Die ein oder andere Entscheidung der Stiko ist unglücklich gewesen.“

Video: Lauterbach befürwortet Impfungen für Kinder und Jugendliche

Impfung von Kindern und Jugendlichen: Karl Lauterbach teilt bei „Markus Lanz“ gegen die STIKO aus

„Wenn die so oft daneben liegen“, fragt Talkmaster Lanz provokant, „wieso schaffen wir die dann nicht ab?“ „Ich bin ganz sicher“, antwortet Lauterbach, „dass die Stiko wieder zur vollen Blüte kommen wird.“ Erneut will Lanz wissen: „Wer beurteilt das denn? Ab wann ist sie denn voll erblüht?“ Lauterbach antwortet umständlich - und teilt unversöhnlich gegen Stiko-Vorsitzenden Thomas Mertens aus. Mertens werfe der Politik vor, Kinder impfen zu wollen, weil sie bei Erwachsenen nicht vorankäme. Das sei nicht richtig, sagt Lauterbach und fährt fort: „Das Impfangebot, das wir den Kindern jetzt machen wollen, ist ein Schutzangebot für die Kinder selbst. Es geht nur um die Kinder, es geht nicht um die Herdenimmunität.“

„Aber wovor“, hakt Woopen ein, „sollen die denn geschützt werden?“ Sie habe zwar Sorge vor Long Covid, aber „schützen würde man die Kinder durch ganz andere Maßnahmen. Indem man jetzt im zweiten Jahr mal die Schulen ganz anders vorbereitet hätte. Die Jugendlichen können jetzt in die Kneipen gehen, aber nicht in die Schulen. Die Universitäten sind zum Teil immer noch eingeschränkt.“ Woopen findet: „Der Staat, die Gesellschaft, schuldet es doch auch den Eltern, jetzt mal für den Herbst ein glasklares Bild davon zu haben, wie das funktionieren soll.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 5. August:

  • Karl Lauterbach (SPD) – Politiker
  • Prof. Christiane Woopen – Ethikerin
  • Marco Wanderwitz (CDU) – Politiker
  • Lukas Rietzschel – Autor

Autor Lukas Rietzschel erklärt der Runde seine Pandemiemüdigkeit so: „Ich halte mich für verhältnismäßig informiert, für aufgeklärt, für auch politisch interessiert. Und ich muss sagen: Es gab Zeiten in dieser Pandemie, da war ich extrem enttäuscht und ich war so weit, dass ich sage, ich verstehe es nicht mehr.“ Enttäuscht, erklärt er, sei er „von politischer Kommunikation, von Maskenaffären, von all dieser Bereicherung, die da gelaufen ist, von dem Gefühl, da ist niemand richtig vorbereitet – obwohl sie es eigentlich wissen müssten.“ Der Frust über diesen Zustand sei so groß gewesen, dass er im Januar aufgehört habe, die Nachrichtenlage zu verfolgen.

Dass eine Impfpflicht kommen könnte, will der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz (CDU) nicht ausschließen: „Wenn wir dahin kommen, dass wir die Herdenimmunität nicht erreichen, dann werden wir diese Debatte natürlich führen müssen.“ Lauterbach dekliniert die Lage mit Blick in Richtung Florida durch, wo sich aktuell die Krankenhäuser wieder füllen: „Wenn wir Ungeimpfte und Geimpfte gleichbehandeln, hätten wir nach kurzer Zeit auch wieder viel zu tun in den Kliniken. Der R-Wert bei der Delta-Variante liegt bei 5,5 – das ist mehr als doppelt so viel wie bei dem Wildtyp. Das heißt, das würde sich bei den Ungeimpften so schnell ausbreiten, dass ich da auch bei den mittleren Altersgruppen schwere Fälle im Krankenhaus hätte. Und das können wir natürlich nicht zulassen. Daher – was wird passieren? Wir werden für Geimpfte und Ungeimpfte andere Regeln haben, anders wird es nicht gehen.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die letzte „Markus Lanz“-Sendung vor der zweiwöchigen Sommerpause steht im Zeichen des Coronavirus und der Frage nach einer Impfpflicht. Von „durch die Hintertür“ ist dabei nicht mehr die Rede, was die Frage des Autors Lukas Rietzschel „Warum wollen Politiker eigentlich Debatten anstoßen?“ in Teilen beantworten könnte. Karl Lauterbach macht sich für Impfungen und Schutzmaßnahmen stark und teilt gegen die Stiko aus; die Ethikerin Christiane Woopen fällt ihm zwar selten ins Wort, runzelt aber umso häufiger die Stirn. Der Politiker Marco Wanderwitz hält sich aus der Impfdebatte lange heraus, ehe er gegen Ende der Sendung die politische Lage in den ostdeutschen Bundesländern analysiert.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare