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Der einsame Karl: Wie sich Lauterbach wegen Corona & Co. ins Abseits schoss

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Von: Sebastian Horsch

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Ist sich selbst der liebste Experte: Der umstrittene Karl Lauterbach (SPD) bei einer Plenarsitzung im Bundestag in Berlin
Ist sich selbst der liebste Experte: Der umstrittene Karl Lauterbach (SPD) bei einer Plenarsitzung im Bundestag in Berlin. © IMAGO/Christian Spicker

Karl Lauterbach war angeblich der beliebteste Politiker des Landes. Doch nach seinem ersten Jahr als Gesundheitsminister macht sich Enttäuschung breit. Und liegt nur zum Teil an Corona.

München – Karl Lauterbach polarisiert. In der Kneipe von FDP-Politiker Wolfgang Kubicki nennen sie ihn einen „Spacken“. Vier Männer, die gerade in U-Haft sitzen, sollen geplant haben, ihn vor laufenden Kameras aus einer Talkshow zu entführen. Der Hass auf ihn, der sich in den düstereren Ecken der sozialen Medien überschlägt, ist kaum zu greifen. Der SPD-Mann war zeitweise Deutschlands beliebtester Politiker und hat auch nach einem Jahr im Amt noch glühende Fans. Doch besonders wegen seiner Corona-Politik zieht er gleichzeitig Wut auf sich. Sein Umgang damit ist kühl. „So etwas macht man am besten mit sich selbst aus“, hat Lauterbach einmal unserer Zeitung gesagt. Dass auch seine Kinder mit dem Tod bedroht würden, nannte er jüngst aber „erschütternd“.

Karl Lauterbach: Zuneigung der CSU erkaltet - „Wir stehen vor großen Problemen“

Das Überraschende: Trotz der Beleidigungen, die dort über ihn ausgeschüttet werden, fühlt Lauterbach sich in den sozialen Medien wohl. Er hat mehr als eine Million Follower auf Twitter. Der Bundeskanzler kommt nur auf gut 650.000. Lauterbach bewertet dort Studien, lobt Presseartikel und schreibt auch mal über Fußball. Einmal hat er um 2.37 Uhr auf Twitter verkündet, dass die Isolationspflicht doch nicht gelockert werden soll. Die Länder fanden das nicht so lustig – denn sie wussten nichts davon.

Doch es waren nicht nur seine Fans auf Twitter die nach der Bundestagswahl den Druck auf Kanzler Olaf Scholz (SPD) erhöhten, Lauterbach ins Kabinett zu holen. Auch die CSU forderte ihn. Heute scheint diese Zuneigung erkaltet. „Der Pflegemangel, die Finanzlöcher der Krankenkassen – wir stehen vor großen Problemen, die weit über Corona hinausgehen“, sagt Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) unserer Zeitung. „Studien zu lesen, ist das eine. Aber in der Politik muss man auch wissen, wo man hin will und entscheiden“, führt Holetschek aus. „Eine solche klare Linie für einen Gesamtaufschlag sehe ich bei Karl Lauterbach nicht.“

Lauterbach ist sich selbst der liebste Experte - „Ohne Frage gäbe es andere Möglichkeiten“

Ob Karl Lauterbach solche Kritik überhaupt wahrnimmt? Nicht nur den Ländern vermittelt er immer wieder den Eindruck, dass er auf ihre Einschätzung auch verzichten könnte. Das Gefühl kennen auch Krankenkassen, Kliniken und andere Akteure im Gesundheitswesen – sie alle dringen nicht so richtig durch zu ihm. Die Gesprächskanäle ins Ministerium gibt es zwar nach wie vor. Doch anders als noch unter seinem Vorgänger Jens Spahn (CDU) ist sich Arzt und Gesundheitsökonom Lauterbach auch im eigenen Haus offenbar selbst der liebste Experte.

Diese Einstellung bekommt auch der Koalitionspartner zu spüren. Man kenne Lauterbach und sei sich im Klaren darüber, wie er arbeite und kommuniziere, sagt Andrew Ullmann unserer Zeitung, der gesundheitspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. „Ohne Frage gäbe es da andere Möglichkeiten, aber das ist eine Stilfrage, die er für sich beantwortet hat, bevor er Minister wurde.“ An Ausschusssitzungen nimmt der Minister anders als sein Vorgänger selten teil. Ullmann sagt, er achte Lauterbachs Haltung, „auch wenn ich im Bereich der Kooperation wohl anders arbeiten würde“.

Gesundheitsministerium in Berlin: Überlastung? Kritik an Lauterbachs Kommunikation

Dass Lauterbach gleichzeitig mit ungeheurem Tempo stets mehrere Bälle in der Luft hält, bereitet manchem Sorge, da werde mit zu heißer Nadel gestrickt. Rund 40 Gesetze und Verordnungen hat er seit Amtsbeginn auf den Weg gebracht. Gerade musste er eines schon kurz nach Verabschiedung wieder korrigieren, weil sonst die Finanzierung von Hebammen in Gefahr geraten wäre.

Die enorme Schlagzahl bekommen besonders die mehr als 1000 Mitarbeiter in Lauterbachs Haus zu, dem Bundesgesundheitsministerium spüren. Mehrere Abteilungen haben Überlastungsanzeigen geschrieben. Der Druck entlädt sich im November auf einer Personalversammlung, über die der Spiegel detailreich berichtet. „Muss man sich bei Twitter anmelden, oder wie kommt man als Beschäftigter an seine Informationen?“, fragt ein Mitarbeiter bissig. „Werden Sie mehr mit den Kolleginnen und Kollegen sprechen?“, will eine Frau wissen. Lauterbach versucht die Stimmung mit einem Witz zu retten: „Sie wissen, ich esse salzlos und vegetarisch, aber bislang gibt es das in der Kantine nicht“, sagt er. „Es wäre schön, wenn der Minister mal etwas zu essen bekäme in der Mittagszeit.“

Bald kommt eine „Revolution“ im Krankenhaus-Sektor – Lauterbach und Co. beschließen eine Neuregelung im Gesundheitssystem.

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