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„Wer beliebt sein will, soll Schlagersänger werden“: Alexander Dobrindt (CSU).

Kartell-Verdacht gegen Autobauer

Alexander Dobrindt, das Gesicht der Auto-Krise

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Die Politik wird kalt erwischt vom Kartell-Verdacht der deutschen Auto-Konzerne. Vor allem der Verkehrsminister steht unter Dauerfeuer: Alexander Dobrindt. 

München – Für ein Fernsehinterview ist das der falsche Ort zur falschen Zeit. Hinter Alexander Dobrindt bimmelt ein Kinderkarussell, neben ihm tritt zu donnernder Musik eine Breakdance-Gruppe auf. Die Fragen, die ihm die Journalisten zuschreien, kann er kaum vernehmen in diesem Höllenlärm. Was er in die fünf Mikrofone spricht, wird auch erst später beim Abhören der Bänder zu verstehen sein. Wortfetzen: Auto, Diesel, Kartell. Als sich sein Mund nicht mehr bewegt und die Kameras sinken, scheint das Interview zu Ende zu sein.

Er drückt sich nicht

Nein, man kann Dobrindt nicht mehr vorwerfen, sich zu drücken. Beim CSU-Bürgerfest in München letzten Sonntag, aber auch bei jedem anderen Auftritt in diesen Tagen landet der Bundesverkehrsminister vor einer Wand an Kameras: Eine Flut von Fragen zu den Kartellabsprachen der Autoindustrie. Der Blick in die Abendnachrichten, die wütenden Rücktrittsforderungen der Opposition, lassen nur einen Schluss zu: Hauptschuldiger bei Kartell und Abgasmanipulation muss dieser Dobrindt sein. Wer sonst, es ist ja niemand zu sehen aus dem Rest der Regierung. Die Wirtschaftsministerin, der die Kartellbehörde untersteht? Niedersachsens Landesregierung als VW-Großaktionär? Nicht zu sprechen.

Dobrindt geht den Kameras seit diesem Wochenende nicht aus dem Weg. Sein Plan ist, mit Präsenz und Argumenten gegenzuhalten, Aufklärung zu verlangen. Ob das klappt, ist offen. In Wahrheit erwischte ihn die Kartell-Sache nämlich eiskalt. Bisher war er moderat mit den Autokonzernen umgegangen: Im Abgas-Streit durfte VW gesichtswahrend Europas größte Rückrufaktion mit drei Millionen Fahrzeugen starten. Im Streit um Fahrverbote blockt er bis heute die blaue Plakette ab, um einen Diesel-Bann in Städten zu verhindern. „Schongang“, fauchte der „Spiegel“ noch vor kurzem, Dobrindt wolle den Diesel-Ärger „aussitzen“.

Er ist gewohnt, das Watschngesicht zu sein

Er sitzt nicht mehr, er steht. Im Feuer. Allerdings: Das Watschngesicht der Bundespolitik zu sein, hat ihn noch nie gestört. Er kennt es nicht anders bei der Maut, für die ihn mindestens eine Hälfte der Republik seit Jahren verspottet. Er watscht und lässt sich watschen bei der Dauer-Konfrontation mit seinem Lieblingsgegner, den Grünen, wo er regelmäßig bis an die Grenze des Erlaubten und weiter hinaus geht. Er hat es zur Hassfigur gebracht. „Wer beliebt sein will, soll Schlagersänger werden“, sagt er.

Das Interessante an Dobrindt ist dabei: Er handelt aus kühlem Kalkül. Seine Wut-Sätze über die Opposition (pädophile Grüne, Linkskommunisten) oder die EZB (Falschmünzer) sind Wort für Wort überlegt, der Zorn ist Schauspielerei. Im Fernsehen wird das ja nie mitgesendet, aber ehe Dobrindt so einen Satz loslässt, macht er meist eine längere Denkpause und räuspert sich, als folge das Wort zum Sonntag im Kirchenfunk. Jeden Schritt plant er, der Diplom-Soziologe, mit der Kenntnis genauer Umfragewerte im Hinterkopf, oft nächtelang mit einem kleinen Kreis Vertrauter im Büro. Auch die Attacke auf Kanzlerin Merkel am Höhepunkt der Flüchtlingskrise, eine krasse Verletzung der Kabinettsdisziplin – vorsätzlich.

Eigentlich ist ja der ganze Dobrindt eine Kunstfigur. Er hat sie geschaffen schon weit vor dem Wechsel 2013 vom CSU-Generalsekretär zum Bundesminister in Berlin. Er nahm mit eiserner Disziplin 20 Kilo ab, verpasste sich eine neue dunkle Hornbrille (Marke „Krass“) und kaufte auffällig karierte Anzüge ein. „Vom oberbayerischen Fettsack zum feinen Berliner Herrn mutiert“, schrieb das Magazin „Cicero“. Er wollte das Provinzler-Klischee von „Dobsi“, dem moppeligen Peißenberger Schützenkönig, ablegen.

In Berlin räumt man ein: „Doof ist er nicht“

In Berlin, wo Teile der Medien und seines Ministeriums ideologisch in ihm stets zunächst den Gegner sehen, klappte das bedingt. Sie finden ihn noch immer schlimm, räumen aber ein: Doof ist er nicht. Das geht den innerparteilichen Gegnern übrigens genauso, die registrieren, wie genau Parteichef Horst Seehofer in strategischen Fragen auf den 47-Jährigen hört. Zur Erinnerung: Dobrindt sagte als erster, dass Seehofer weitermachen werde – im Herbst 2014 schon und zu Markus Söders sehr geringer Freude.

Nun also noch der Auto-Ärger in der für Regierungspolitiker gefährlichsten Phase, kurz vor der Wahl. Immerhin: Für Dobrindt spielt jetzt die Zeit. In 60 Tagen ist Bundestagswahl. Intern gilt als ausgemacht, dass er dann den Vorsitz der Landesgruppe, also der CSU-Abgeordneten in Berlin, übernimmt. Den Auto-Ärger hat dann, und darüber wirkt er nicht traurig, ein Nachfolger am Bein.

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