Ein Arzt sitzt vor einem Computer mit Kamera
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Die Videosprechstunde hat in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen – auch in der Psychotherapie.

Schlafstörungen, Depressionen und Ängste

Bayerische Kassenärzte: Psychische Symptome nehmen durch Corona-Maßnahmen zu

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
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Die Co-Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns berichtet von einer Zunahme von psychischen Symptomen oder Erkrankungen in der Corona-Krise. „Stresserscheinungen, Schlafstörungen, Depressionen und ganz besonders Ängste nehmen durch die Alltagsbeschränkungen und finanziellen Auswirkungen zu“, sagt Claudia Ritter-Rupp.

  • Die bayerischen Kassenärzte behandeln 85 Prozent der Corona Patienten und Verdachtsfälle
  • Psychotherapeuten bemerken deutlichen Anstieg der Fälle
  • Corona-Maßnahmen verursachten Stresserscheinungen, Schlafstörungen, Depressionen und Ängste

München – Bayerns Arztpraxen stehen im Kampf gegen das Coronavirus an vorderster Front. Über 85 Prozent der Patienten mit einem Verdacht oder einer tatsächlichen Infektion wurden dort behandelt. Bis Ende September waren das mehr als eine Million. Kurzum: „Internationale Studien belegen, dass es die Praxen sind, auf die der im Vergleich mit anderen Ländern gute Verlauf der Pandemie in Deutschland zurückzuführen ist“, sagt Wolfgang Krombholz, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns.

Auch wenn es schon bald darum geht, große Teile der Bevölkerung mit einer Impfung gegen das Coronavirus zu schützen, könne Bayern auf seine niedergelassenen Ärzte zählen. 2600 von ihnen haben sich schon bereit erklärt, in den Impfzentren zu arbeiten, die die Landkreise gerade errichten. Dass dadurch Versorgungsprobleme innerhalb der Praxen entstehen könnten, glaubt Krombholz nicht. Das sei eine Organisationsfrage.

Von ganz anderen Begleiterscheinungen der Krise berichtet Claudia Ritter-Rupp, die zweite stellvertretende KVB-Vorsitzende. Die oft fehlende soziale und körperliche Zuwendung stelle für die menschliche Psyche eine enorme Herausforderung dar – in einigen Fällen sogar eine Erschütterung. „Je länger die Krise dauert, desto eher sind die Selbstheilungskräfte überfordert, was dann oftmals zu einer Zunahme von psychischen Symptomen oder Erkrankungen führt“, sagt Ritter-Rupp. Die Folge: „Stresserscheinungen, Schlafstörungen, Depressionen und ganz besonders Ängste nehmen durch die Alltagsbeschränkungen und finanziellen Auswirkungen zu.“ Das merken die Psychotherapeuten in Bayern. „Waren die Fallzahlen im ersten Quartal coronabedingt leicht rückläufig, so stiegen diese im zweiten Quartal und vor allem aktuell wieder deutlich an“, sagt Ritter-Rupp. Aufgrund der Umstände gewann dabei die Videosprechstunde auch in der psychotherapeutischen Behandlung deutlich an Bedeutung. Während sie 2019 im Grunde keine Rolle spielte, fanden in den ersten zwei Quartalen 2020 bereits 20 Prozent dieser Behandlungen von Bildschirm zu Bildschirm statt. Ein Dauerzustand könne das nicht sein, sagt Ritter-Rupp: „Die Videosprechstunde mit ihren vielen Einschränkungen und Hindernissen ist in der aktuellen Situation eine Ergänzung zur Behandlung und Sicherstellung der Behandlungskontinuität, aber eben kein Ersatz.“

Was den Ärzten und Therapeuten darüber hinaus zu schaffen mache, sei eine regelrechte „Lawine“ von rechtlichen Vorgaben, mit der sie es auch in der Pandemie zusätzlich zu tun hätten. „17 Bundesgesetze und 34 Rechtsverordnungen allein aus Berlin“, rechnet Krombholz vor – „und dazu weitere landesgesetzliche Regelungen“. Wenn selbst Mitarbeiter aus den Ministerien Schwierigkeiten hätten, da noch den Überblick zu behalten, könne man das von den Ärzten kaum verlangen. „Wir bitten die Politik, uns Zeit zu geben, um mit den neuen Regelwerken fertig zu werden“, sagt Krombholz. Sein Stellvertreter Pedro Schmelz wird deutlicher: „Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass in der Gesetzesschmiede von Jens Spahn das Motto ,Masse statt Klasse‘ gilt“, sagt er in Richtung des Bundesgesundheitsministers. Die Folge sei, dass die Praxen aktuell etwa 61 Arbeitstage im Jahr für die daraus entstehende Bürokratie aufwenden müssen. „Diese Zeit fehlt für die Behandlung der Patienten“, sagt Schmelz.

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