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Brennende Barrikaden in Barcelona: Die überwiegend friedlichen Demonstrationen in Katalonien werden von solchen Szenen überschattet. Demonstranten werfen Steine, Polizisten setzen Schlagstöcke ein – es gibt auch Verletzte.

Interview mit Kataloniens „Außenminister“ Alfred Bosch

„Diese Urteile sind eine Schande“

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Der Prozess erregte viel Aufsehen, in Spanien und weltweit. Am Montag verurteilte das Oberste Gericht in Madrid zwölf katalanische Separatistenführer zu teils langen Haftstrafen. Seither kommt es zu Protesten und Ausschreitungen zwischen Demonstranten und Polizei.

Wir haben mit Kataloniens „Außenminister“ Alfred Bosch, 58, über Frust und einen Weg aus der Krise gesprochen.

Herr Minister, Steine fliegen auf Polizisten, Barrikaden brennen. Ist Gewalt Ihre Antwort?

Die meisten Katalanen sind schockiert und wütend über die Urteile, die eine Schande sind. Aber natürlich lehnen wir als Regierung jede Form von Rowdytum ab.

Aber es gibt Gewalt. Und Ihr Regionalpräsident Quim Torra hat die Proteste eher angestachelt, statt zu deeskalieren ...

Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung geht seit Jahren friedlich auf die Straße. So soll es auch bleiben, dafür werden wir sorgen. Noch mal: Es gibt bei uns keinen Platz für Rowdytum.

Die Strafen liegen deutlich unter dem, was die Staatsanwaltschaft gefordert hat. Müssten Sie nicht sagen: Es hätte auch schlimmer kommen können?

Entschuldigen Sie, aber es ist schlimm genug. Die Urteile sind sogar etwas härter ausgefallen als das, was die Regierung durch ihren Vertreter vor Gericht gefordert hat. Sie war aktiv am Prozess beteiligt und wollte Strafen sehen. Oriol Junqueras [der ehemalige Vize-Regierungschef Kataloniens, Anm. d. Red.] hat zwei Kinder im Alter von drei und sechs Jahren und soll nun 13 Jahre ins Gefängnis. Das ist menschlich und politisch skandalös. Und es wird die Dinge nur noch schwieriger machen.

Alfred Bosch ist seit knapp einem Jahr Mitglied der katalanischen Regionalregierung. Als „Minister für Auswärtige Aktion, Transparenz und Institutionelle Zusammenarbeit“ soll er die politische Lage Kataloniens in der EU erklären.

Junqueras hat die härteste Strafe erhalten und forderte gleich im Anschluss ein neues Unabhängigkeitsreferendum. Sie auch?

Wir sind als Bürger dazu berechtigt, zusammen über unsere politische Zukunft zu entscheiden. Das sollte nicht infrage stehen. In Schottland stand es ja auch nicht infrage.

Die schottischen Unabhängigkeitsbefürworter haben ihr Referendum aber, anders als Sie, mit Erlaubnis Londons durchgeführt – und übrigens verloren ...

Und wir hätten auch kein Problem damit, zu verlieren. Wir respektieren das Votum der Menschen. Die einzige Lösung ist eine demokratische, man löst keine Probleme, indem man Leute ins Gefängnis schickt. Wir leben doch im 21. Jahrhundert.

Sie werfen Spanien Sturheit vor, beharren aber selbst auf der Maximalforderung Unabhängigkeit. Wie soll da ein Kompromiss entstehen?

Unsere Forderung ist nicht Unabhängigkeit, sondern ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit. Das ist ein wichtiger Unterschied. Die Katalonien-Frage ist keine innerspanische Angelegenheit mehr, sondern eine internationale. Deshalb sollte die internationale Gemeinschaft jetzt Druck auf Madrid ausüben, mit uns zu verhandeln. Bisher lehnt die spanische Regierung das ab.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez hat gedroht, Katalonien unter Zwangsverwaltung zu stellen. Sehen Sie noch eine Basis für Gespräche?

Vergessen Sie nicht, dass Herr Sánchez nur durch die Unterstützung katalanischer Parteien Ministerpräsident wurde. Wir hatten gehofft, dass er moderater sein würde als sein Vorgänger Mariano Rajoy und es sah zunächst gut aus. Im Dezember 2018 hatten wir uns in einer gemeinsamen Erklärung darauf geeinigt, einen demokratischen Weg zu suchen. Aber kurz darauf brach Sánchez die Gespräche unter dem Druck der Konservativen und Rechten ab.

Im November finden Neuwahlen in Spanien statt, Sánchez ist unter Druck. Ein Vorteil für Sie?

Das kommt natürlich auf das Ergebnis an, warten wir ab. Grundsätzlich gilt: Das politische System Spaniens ist wegen der Katalonien-Frage extrem instabil. Es wäre also gut für alle, miteinander zu reden. Wir fordern Sánchez auf, wieder an den Verhandlungstisch zu kommen, statt politische Gegner ins Gefängnis zu stecken. Das schadet Katalonien, Spanien und Europa.

Interview: Marcus Mäckler

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