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Ein Jahr vor der Katar-WM: Tausende Tote und „sklavenähnliche Zustände“?

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Von: Andreas Schmid

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Tamim bin Hamad Al Thani (Mitte, hier mit Fifa-Boss Gianni Infantino).
Die WM 2022 ging an Katar und dessen Emir Tamim bin Hamad Al Thani (Mitte, hier mit Fifa-Boss Gianni Infantino). © Karim Jaafar/AFP (Montage)

Ein Jahr vor der WM in Katar hat sich die Menschenrechtslage vor Ort nur bedingt verbessert. Das Emirat will die WM nutzen, um sein Image aufzupolieren.

Doha - In einem Jahr findet die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 statt. Das Finale ist für den 18. Dezember angesetzt. Statt wie sonst üblich im Sommer wird der neue Weltmeister im Winter gekürt. Das liegt am Gastgeberland Katar. Die heißen Temperaturen vor Ort lassen ein Turnier im Juni/Juli nicht zu. In der Kritik steht das Großereignis aber bei Weitem nicht nur wegen des ungewöhnlichen Termins, sondern vor allem wegen der Menschenrechtsverletzungen vor Ort.

WM 2022: „Katars Wohlstand hängt von den zwei Millionen Arbeitsmigranten ab“

Katar gehört zu den reichsten Ländern der Welt. In den letzten Jahrzehnten hat sich Katar vom Wüstenstaat zur Hochglanzmetropole entwickelt. Der Reichtum des Drei-Millionen-Einwohner-Landes im Mittleren Osten ist allerdings nur auf die Katarer selbst beschränkt. „Katars Wirtschaft und damit auch sein Wohlstand hängen von den zwei Millionen Arbeitsmigranten ab, die dort leben“, sagt Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für die Region Naher Osten bei Amnesty International in Deutschland. Die ausländischen Gastarbeiter leben an der Armutsgrenze. Dabei sind sie es, die für die glitzernden Wolkenkratzer in der Golfregion verantwortlich sind. Die insgesamt acht WM-Stadien werden ebenso fast ausschließlich von Gastarbeitern errichtet. Sie kommen aus Bangladesch, Nepal oder Pakistan und werden oft mit falschen Versprechungen nach Katar gelockt.

Stadtansicht von Doha
Hochmoderne Millionenprojekte im Wüstensand: Katar sieht man seinen Reichtum wie hier in der Hauptstadt Doha deutlich an. Aber ist der funkelnde Nachthimmel nur Fassade? © Felix Zahn / IMAGO

Sieben-Tage-Woche, schlechte bis gar keine Bezahlung, unmenschliche Lebensbedingungen, Tote. Die Berichte über die Lage der Gastarbeiter in Katar zeichnen ein erschütterndes Bild. Seit der WM-Vergabe im Jahr 2010 sind in Katar, das ungefähr so groß ist wie Schleswig-Holstein, rund 15.000 Gastarbeiter gestorben. Anfang 2021 berichtete der britische Guardian von rund 6500 Toten im Zusammenhang mit der WM. Im aktuellen Lagebericht von Amnesty International heißt es nun: „15.021 Nicht-Katarer sind zwischen 2010 und 2019 gestorben - in allen Altersgruppen, aus allen Gründen und in allen Berufen.“ Die Arbeiter sterben an Hitze, plötzlichem Herztod oder schlicht Überlastung. Brisant: Rund 70 Prozent der Todesfälle werden nicht aufgeklärt.

Aus den Zahlen geht nicht hervor, wie viele von ihnen im Zusammenhang mit der Vorbereitung auf die WM gestorben sind. Wie die Fifa im Februar mitteilte, seien seit 2015 34 Menschen unmittelbar im Zusammenhang mit dem Stadionbau ums Leben gekommen. Kritiker bezweifeln die Glaubwürdigkeit dieser Angaben und beanstanden die Bedingungen für die Arbeiter vor Ort. Amnesty International schreibt: „Wenn junge und gesunde Männer nach vielen Arbeitsstunden in extremer Hitze plötzlich sterben, wirft dies ernste Fragen über die Arbeitsbedingungen in Katar auf.“

Katar: „Sklavenähnliche Zustände gibt es nach wie vor“

Amnesty International kritisiert die Missstände im Land seit Jahren deutlich. Es gebe erhebliche Menschenrechtsverletzungen. Konkret: keine Presse- und Meinungsfreiheit, männliche Vormundschaft, verbotene Homosexualität - und eben jene auch aufgrund des sogenannten Kafala-Systems schlechten Arbeitsbedingungen. Das Kafala-System bindet ausländische Arbeiter fest an einen einheimischen Bürge wie einen Arbeitgeber und ist eigentlich seit kurzem offiziell abgeschafft. Es gibt jedoch Zweifel an der konkreten Verbesserung in der Praxis. „Das Kafala-System und damit die sklavenähnlichen Zustände gibt es nach wie vor. Nur eben auf dem Papier nicht mehr“, sagte der Menschenrechtsexperte Nicholas McGeehan jüngst im ZDF.

Zwischenzeitlich habe sich die Lage für die Gastarbeiter etwas verbessert, doch letztlich scheint Katar wenig an langfristigen Verbesserungen interessiert zu sein. Die Menschenrechtsorganisation stellte jüngst fest, dass „Fortschritte 2021 stagnierten und alte, missbräuchliche Praktiken sogar wieder aufgetaucht sind“.

Video: Ein Jahr vor WM - Amnesty prangert Katar an

Katar: „In der Praxis sind die Reformmaßnahmen lückenhaft“

„Katar hat auf dem Papier in den letzten Jahren einige Reformanstrengungen unternommen“, sagt auch der Hamburger Universitätsprofessor und Experte für die Golfregion Eckard Woertz. So müssten Löhne jetzt elektronisch überwiesen werden und Pässe dürften nicht mehr einbehalten werden. „Es gibt inzwischen auch einen Mindestlohn, wenngleich der nicht sehr hoch ist“, sagt Woertz gegenüber Merkur.de.

Aber: „In der Praxis ist die Implementierung der Reformmaßnahmen lückenhaft und Gewerkschaften bleiben nach wie vor verboten. Selbst bei einer vollständigen Implementierung wäre man immer noch weit von Arbeitnehmerrechten entfernt, die in Europa üblich sind.“ Bettina Gräf vom Institut für den Nahen und Mittleren Osten an der Ludwig-Maximilian-Universität München berichtet gegenüber unserer Redaktion ebenfalls von schlechten Arbeitsbedingungen, allerdings in der gesamten Golfregion und nicht nur auf Katar bezogen. „Dies gehört zum Phänomen globaler Arbeitsmigration und moderner Sklaverei, an dem die meisten Staaten der Welt teilhaben.“

Mitunter seien die Bedingungen in Katar besser als etwa in Saudi-Arabien, meint Gräf - „was natürlich aber nur ein schwacher Trost ist“. Laut Woertz liegt eine Teilschuld auch bei den „Rekrutierungspraktiken in den Herkunftsländern.“ Arbeitsmigranten würden ihr Engagement mit hohen Schulden beginnen und mit falschen Versprechungen nach Katar gelockt werden.

Katars Emir Tamim - ein mächtiger Mann: „Es gibt keine Gewaltenteilung“

Politisch verantwortlich für den Golfstaat Katar ist Tamim bin Hamad Al Thani. Er ist seit 2013 Emir von Katar und damit Staatsoberhaupt. „Katar ist eine autokratische Monarchie, in der der Emir weitreichende Machtbefugnisse hat“, sagt Woertz. Gräf spricht lieber von einer konstitutionellen, also verfassungsgebundenen Monarchie, „da es nun mal eine Verfassung gibt und auch andere Beratungs- und Regelungsverfahren“. Allerdings: „Die Herrschaft des Emirs wird in der Familie Al Thani weitergereicht“, schildert Gräf. „Zuletzt gingen die Regierungsgeschäfte vom Vater an den Sohn.“ Der Emir des Landes hat weitreichende Befugnisse, sagt die gebürtige Leipzigerin. „Er ist Staatsoberhaupt, oberster Heerführer und hat die exekutive und legislative Macht, keine Gewaltenteilung also.“

Bezogen auf die Fußball-WM bemühen sich Tamim und Premierminister Chalid bin Chalifa bin Abdulasis Al Thani nun offenbar darum, die Lage der Gastarbeiter zu verschleiern. Das ZDF zitierte jüngst aus einem Regierungsdokument: „Alle Baufirmen sollen einen Plan erstellen, dass während der WM so wenige Gastarbeiter wie möglich im Land sind.“ Katar, das in den letzten Monaten mehrere teure Imagefilme produziert hat, möchte scheinbar keine kritische Berichterstattung, wenn der mediale Fokus auf die WM größer wird.

Müller-Fahlbusch von Amnesty International fordert ein konsequenteres Handeln seitens der katarischen Politik, gerade momentan: „Was es jetzt braucht, ist echter politischer Wille der katarischen Regierung, die angestoßenen Reformen konsequent und ohne Wenn und Aber umzusetzen. Alle bisherigen Fortschritte werden zunichtegemacht, wenn sich Katar damit zufriedengibt, dass die Maßnahmen quasi nur auf dem Papier existieren und in der Praxis nicht umgesetzt werden.“

Tamim bin Hamad Al Thani (l.), hier zusammen mit Fifa-Präsident Gianni Infantino.
Holte die WM 2022 nach Katar: Tamim bin Hamad Al Thani (l.), hier zusammen mit Fifa-Präsident Gianni Infantino. © Mikhail Metzel/Imago

Katars Profilierung durch die WM: „Das Machtgerangel am Golf spielt eine wichtige Rolle“

Katar unterscheide sich insgesamt von seinen Nachbarländern, meint Golfregion-Experte Woertz. „Im Vergleich zu Kuwait gibt es keine Kontrolle durch ein Parlament und die Zivilgesellschaft ist schwächer. Im Vergleich zu den Vereinigten Arabischen Emiraten ist die einheimische Bourgeoisie (wohlhabendes Bürgertum, d. Red.) weniger stark. Die Wirtschaftsdynamik ist in Katar noch stärker als in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien vom Staat und seinen Unternehmen abhängig.“

Mit seinen Nachbarländern geriet Katar immer wieder in Konflikt. Die außenpolitischen Interessen unterscheiden sich stark. Katar pflegt enge Beziehungen zu den Taliban, trat im Afghanistan-Konflikt aber auch als Vermittler auf. Zudem unterstützt das Land die ägyptischen Muslimbrüder und die palästinensische Hamas, erklärt Gräf. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Ägypten brachen 2017 daher sämtliche Beziehungen zu Katar ab.

Mit der WM will Katar nun „ein bestimmtes Bild als fortschrittliches, technik-, kultur- und sportorientiertes arabisch-islamisches Land verankern“, meint Gräf. „Die Auseinandersetzungen und das Machtgerangel am Golf beziehungsweise auf der Arabischen Halbinsel spielen da auch eine wichtige Rolle, vor allem will man stets Stärke ausstrahlen und damit Saudi-Arabien und den Vereinten Arabischen Emiraten ebenbürtig sein.“ Die WM 2022 ist die erste in der arabischen Welt. Viel Prestige für den nach Bahrain kleinsten Golfstaat.

Umstrittene WM-Vergabe nach Katar: „Katar benutzt Sport als Soft-Power-Strategie“

Dass Katar den Turnierzuschlag überhaupt erhalten hat, wirkt auf den ersten Blick überraschend. Ein Land ohne jegliche Fußball-Infrastruktur geschweige denn -Tradition, in dem in den eigentlichen WM-Monaten auch noch Durchschnittstemperaturen von 40 Grad herrschen - klingt nicht wirklich nach dem idealen WM-Gastgeber. Das für die WM-Vergabe zuständige Exekutivkomitee der Fifa stimmte 2010 dennoch mehrheitlich für Katar. Das Emirat setzte sich so unter anderem gegen die USA durch.

Wie heute bekannt ist, war die Vergabe von Korruptionsvorwürfen bekleidet. Es ist bewiesen, dass mindestens zwei Fifa-Funktionäre ihre Stimme für hohe Geldsummen verkauften. Ein allzu großer Skandal ist das tatsächlich nicht, denn WM-Vergaben und Korruptionsvorwürfe stehen seit jeher miteinander in Einklang. Davon kann sich auch Deutschland nicht gänzlich loslösen. Die australische Whistleblowerin Bonita Mersiades deckte zudem auf, dass jedes an der WM 2022 interessierte Land zumindest versucht hätte, Stimmen zu kaufen. Aus Doha hieß es zu den Korruptionsvorwürfen, man habe „die beste Bewerbung“ abgegeben und sich nichts zuschulden kommen lassen.

Letztlich nutzt Katar die WM, um sein ramponiertes Image aufzupolieren. Das ist nichts Ungewöhnliches, schließlich sind sportliche Großereignisse seit jeher politisch. „Katar benutzt Sport als soft power Strategie“, meint Woertz. „Durch die Organisation internationaler Veranstaltungen und Investitionen in internationale Spitzenklubs wie Paris St. Germain hofft man, dass sich dadurch der Status und der Ruf des Landes mehrt.“ Dabei handle es sich um ein zweischneidiges Schwert. „Im Falle der Fußball-WM hat es dem Land bisher eher negative Publizität beschert.“ Diese negative Publizität wird allerdings nichts daran ändern, dass nächstes Jahr Millionen Fans die Fußballweltmeisterschaft bejubeln werden. (as)

Inside Katar

Dieser Text ist der Auftakt der Reihe „Inside Katar“. In Zukunft wollen wir Ihnen regelmäßig Hintergrundberichte über die (sport)politische Lage in Katar geben - und dabei unterschiedliche Themenfelder betrachten. Falls Sie Anregungen, Themenvorschläge oder Kritik haben, melden Sie sich gerne unter andreas.schmid@zentralredaktion.news.

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