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Die evangelische Pfarrerstochter Angela Merkel war am Freitag zu Gast beim Katholikentag in der Münsterhalle.

Gespräch über Konfliktregionen

„Nicht in die Tasche lügen“: Was Merkel beim Katholikentag über Krieg und Frieden predigte

Ein Kirchentreffen mit Friede, Freude, Eierkuchen? Von wegen: Die Menschen suchen in schwierigen Zeiten klare Aussagen von Kirche und Politik. Entsprechend groß war der Ansturm auf den Auftritt von Kanzlerin Merkel.

Münster - „Suche Frieden“, die Worte aus Psalm 34 hat sich der 101. Katholische Kirchentag in Münster als Motto ausgesucht: Angesichts der politischen Weltlage sei es „geradezu hellseherisch gewählt“, so der bittere Kommentar von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). 

Die evangelische Pfarrerstochter war am Freitag zu Gast in der Münsterhalle. In ihrer Rede und im Gespräch mit Friedensforscher Tilman Brück und Kardinal Peter Turkson aus dem Vatikan verwies sie immer wieder auf die Lehren der Geschichte, die jetzt – mehr als 70 Jahre nach Kriegsende – drohten in Vergessenheit zu geraten. Merkels Glaubenssätze:

Angemessen auf Trump antworten

Die Kündigung des Atomvertrags mit dem Iran – „über den zwölf Jahre lang verhandelt wurde“ – durch die USA ist für die Kanzlerin ein „schwerer Einschnitt“. Sie warf US-Präsident Donald Trump vor, das Vertrauen in die internationale Ordnung zu stören. Dennoch sei eine Alternative zur transatlantischen Partnerschaft nicht in Sicht, und man dürfe auch die Verhältnisse nicht verschieben – mit Blick auf die Verantwortung des Iran für den Konflikt im Jemen, im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg in Syrien und dem Existenzrecht Israels, das Teil deutscher Staatsräson sei.

Iran-Deal in Trümmern: Bietet Europa Trump jetzt die Stirn?

„Es ist keine gute Nachricht für die Welt, wenn jeder macht, was er will.“

Positive Energien erhalten

Nach dem Zweiten Weltkrieg, „den Deutschland angezettelt hat“, sei die internationale Gemeinschaft zu unglaublichen Anstrengungen fähig gewesen, sagte Merkel. Sie verwies auf die Gründung der Vereinten Nationen und die Verabschiedung der Menschenrechtscharta. Nach dem Ableben der letzten Zeitzeugen des Krieges sieht sie Deutschland und Europa in neuer Eigenverantwortung, betonte Merkel. Das verlange Deutschland mehr Investitionen in Sicherheit und in Entwicklungshilfe ab.

Der Glaube ans gemeinsame Handeln

„Ich sehe mit Sorge, dass der Multilateralismus in einer wirklichen Krise ist“, bekannte Merkel. Ob das Thema Iran sei, das Klimaabkommen oder die Welthandelsorganisation: „Es ist keine gute Nachricht für die Welt, wenn jeder macht, was er will.“ Die Berliner Regierung trete für eine Stärkung des Multilateralismus ein: „Das ist die Aufgabe, die drängender denn je vor uns liegt.“

Merkel wirft US-Präsident Trump vor, das Vertrauen in die internationale Ordnung zu stören. Dennoch sei eine Alternative zur transatlantischen Partnerschaft nicht in Sicht.

Europa als Friedensmacht?

Der vatikanische Entwicklungsminister Kardinal Peter Turkson sieht eine Chance für die europäischen Länder, auf Dialog zu setzen und das Iran-Abkommen zu retten. Europa sei als Friedensmacht nicht stark genug, „wenn eine riesige Wirtschaftsmacht nicht mitzieht“, winkt Merkel ab. „Das wäre eine schwere Fehleinschätzung. Da sollten wir uns nicht in die Tasche lügen.“ Sogar innerhalb der EU seien die Konflikte teils nur mühsam eingehegt: „Die Friedensordnung im Balkan ist sehr fragil“. An den Außengrenzen des Schengenraumes gebe es zahlreiche Konfliktregionen: Syrien, Libyen, die Ukraine – alles „vor unserer Haustür“. Und überall müsse sich Deutschland mehr engagieren. In Syrien sei mittlerweile die Hälfte der 20 Millionen Einwohner auf der Flucht: „Deshalb ist es dringend, hier an einer politischen Lösung zu arbeiten.“ Auch wenn die Ergebnisse der Bemühungen oft „bedrückend“ sind – wie in der Ostukraine, wo es trotz Minsk-Abkommen keine Waffenruhe gibt: „Man muss im Gespräch bleiben.“

Angela Merkel und die „humanitäre Verantwortung“

Dialog mit (fast) jedem Machthaber

Die Kanzlerin sucht das Gespräch auch mit weniger demokratischen Staatschefs, z. B. mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Es gab und gibt aber Grenzen: „Mit Gaddafi habe ich nicht geredet („Da wirst du nichts erreichen.“) Mit Assad spreche sie „indirekt“: Der Gesprächspartner Wladimir Putin setze den syrischen Machthaber in Kenntnis.

Sünden in Afrika wiedergutmachen

Europa habe eine besondere Verantwortung für die Entwicklung in Afrika, weil es „mit dem Kolonialismus viel Schaden angerichtet“ habe, erklärte Merkel. 1870 seien in einer Konferenz in Deutschland in Afrika „zackzack Grenzen gezogen worden“. Neben Entwicklungshilfe und UN-Militäreinsätzen müssten jetzt eigene afrikanische Konzepte für seine weitere Entwicklung eingebracht werden.

Fremde willkommen heißen

Merkel versprach ein Einwanderungsgesetz „spätestens in zwei Jahren“, das die Zuwanderung von Fachkräften betreffe. Daneben gebe es weiter die „humanitäre Verantwortung“, nach der Empfehlung des UN-Flüchtlingswerks Kontingente aufzunehmen. Der Präsident des Zentralrats der Katholiken, Thomas Sternberg, lobte sie dafür, dass sie das Schicksal der Flüchtlinge nicht als Sachfrage, sondern als eine Frage von Humanität betrachtet. „Dafür bleiben wir Ihnen dankbar.“ 

BW

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