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Der Plenarsaal des Bundesrats in Berlin: Hier wird heute über das 50 Milliarden Euro umfassende Konjunkturpaket der Bundesregierung abgestimmt.

Konjunkturpaket im Bundesrat

„Kein deutscher Obama-Effekt“

München – Mit großer Wahrscheinlichkeit wird heute auch der Bundesrat dem 50 Milliarden Euro umfassenden Konjunkturpaket zustimmen.

Wir sprachen mit dem Wirtschaftspsychologen Prof. Lutz von Rosenstiel über die Auswirkungen auf das Konsumverhalten der Bundesbürger.
-„Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie“, was ist dran an dieser These?
Die ist ohne Frage richtig. Das Verbraucherverhalten ist sehr stark abhängig von der seelischen Befindlichkeit. Die harten Fakten, also die Höhe des Einkommens beispielsweise, bestimmen das Konsumverhalten nicht allein. Auf eine ganz kurze Formel gebracht gilt: Siegt die pessimistische Grundhaltung, wird gespart, siegt der Optimismus, wird vielleicht sogar mehr Geld ausgegeben, als man eigentlich zur Verfügung hat.

-Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Arbeit der Bundesregierung? Verbreitet sie mit ihrem milliardenschweren Rettungspaket den angemessenen Optimismus?
Ich habe da so meine Zweifel. Denn im Vordergrund der politischen Äußerungen steht doch sehr die Betonung der drohenden Krise. So kommen selbst jene unter Druck, die noch gar keine Auswirkungen spüren. Es kann also gut passieren, dass durch dieses Verhalten das genaue Gegenteil von dem erreicht wird, was eigentlich notwendig wäre, um das Konsumverhalten anzukurbeln.

-Welche Rolle spielt hier der langatmige, schwerfällige Prozess der Verabschiedung des Rettungspaketes?
Nun, was sich da auf dem politischen Parkett abspielt, ist äußerst bedenklich. Natürlich muss die Opposition die Regierungsarbeit kritisch verfolgen. Aber diese Vielstimmigkeit, in der die Politik derzeit spricht, verunsichert den normalen Bürger sehr. Er bräuchte jetzt Klarheit statt Wahlkampfgetöse, also Glaubwürdigkeit und Widerspruchsfreiheit in der Argumentation. So wächst die Verunsicherung, aber nicht der Glaube an eine bessere Zukunft. So schürt man den Pessimismus.

-Was könnte denn getan werden?
Man müsste viel konkreter werden. Zum einen sollten die Produkte, die für morgen geeignet sind, schneller auf den Markt kommen. Also viele würden schon jetzt ein Auto kaufen, das beispielsweise durch einen Elektromotor zukunftsfähiger ist. Konjunkturprogramme reichen alleine ja nicht aus. Es müssten auch viel mehr konkrete Felder benannt werden, in denen es wieder aufwärts geht oder bald gehen wird. Nur so erreicht man die Menschen. Und nicht durch abstrakte marktwirtschaftliche Formeln. Menschen brauchen konkrete Hoffnungen.

-Was passiert, wenn die Krise spürbar wird? Hat sich Berlin nicht selbst in die Lage gebracht, dann ein drittes und viertes Paket auflegen zu müssen?
Das ist in der Tat ein Problem. So, wie diese Pakete zustande gekommen sind, wurde die Erwartungshaltung geschürt, dass es immer so weitergeht. Was aber natürlich nicht der Fall ist. Denn natürlich gibt es eine Grenze dafür, was man den kommenden Generationen an Schulden hinterlassen kann. Bei einem weiteren Paket werden zunehmend mehr Abgeordnete nicht mehr mitspielen. Denn die Frage wird dann ja sein, wenn all das nichts gebracht hat, warum sollten wir dann gutes Geld dem schlechten hinterherwerfen. Also ich fürchte, wenn es bis zum Jahresende nicht wieder aufwärtsgeht, wird man so nicht weitermachen können.

-Ist es denkbar, dass es so etwas wie einen Obama-Faktor auch in Deutschland gibt?
Nein, und das hat nichts mit der Kanzlerin und auch nicht mit den beiden Stones (Finanzminister Steinbrück und Vize-Kanzler Steinmeier Anm. d. Red.) zu tun. Das liegt an der grundsätzlichen Haltung der Deutschen, die auch schon vor der Finanzkrise eher auf das halb leere Glas blickten. Das ist übrigens nicht nur im Vergleich mit den USA so. Auch im Verhältnis zu unseren Nachbarn Italien oder Frankreich wird die Finanzkrise uns Deutsche viel schneller in den Pessimismus treiben. Deutschland jammert eben gerne.

Das Gespräch führte Ines Pohl

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