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Am Ende der Kandidatur steht kein Mandat: Joachim Herrmanns Zukunft ist nun völlig offen. 

Mit leeren Händen in Berlin

Kein Mandat: Was wird jetzt aus Joachim Herrmann?

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Für einen CSU-Politiker ist der Wahlabend besonders bitter: Bayerns Innenminister und CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann steht nach der Wahl ohne Mandat da. Was wird nun aus Herrmann?

Berlin/München – Am Wahlabend herrscht viel Verzweiflung in der CSU, am hilflosesten darf man sich in diesen Minuten aber Joachim Herrmann vorstellen. Der Spitzenkandidat wird in Berlin kalt erwischt vom 38-Prozent-Desaster, noch Minuten vorher hatten Vertraute wortreich erklärt, eine Zahl unter 45 könne niemals zutreffen. Herrmann weiß nicht, was er jetzt den wartenden Fernsehsendern sagen soll. Er sucht Rat bei seinem Parteichef in München – aber Horst Seehofer geht nicht ans Handy. Es wird 18:30, 19 Uhr, Seehofer hat keine Zeit, auch als ihm schon zugeraunt wurde, Herrmann wolle ihn dringend sprechen.

So nimmt ein Wahlabend seinen Lauf, der für den Spitzenkandidaten schlimmer nicht sein könnte. Herrmann bekommt irgendwann aus München eine Sprachregelung, darf vor die Kameras, und weiß doch kaum Erhellendes zu sagen. Man habe Rot-Rot-Grün verhindert, sagt er, als hätte das noch ernsthaft zur Debatte gestanden. Wie schlimm die Klatsche ausfällt, erfährt er auch erst in den frühen Morgenstunden des Montags: Er hat sogar persönlich ein Mandat verpasst. Die CSU bekommt keinen einzigen Listenabgeordneten.

Unter den derzeit auf Krawall gebürsteten Christsozialen macht ihm keiner einen Vorwurf. Dazu ist er zu wertgeschätzt; dazu hatte er auch zu wenig Einfluss auf die Strategie im Wahlkampf. Er pflegt zu Seehofer wie zu Angela Merkel ein stets höfliches Verhältnis ohne aufgeregte Ausschläge, immer loyal.

Für das CSU-Projekt, den nächsten Bundesinnenminister zu stellen und so auch personell ein Festhalten an der restriktiveren Flüchtlingspolitik durchzusetzen, ist das aber ein Rückschlag. Die Verfassung erlaubt bei Ministern (nicht beim Kanzler), dass sie ihr Amt antreten, ohne ein Mandat zu haben. Für Herrmann hieße das aber, dass er dann in Berlin nicht abgesichert wäre. „Er macht sich dann ganz von Mutti Merkel abhängig“, lästert ein Parteifreund wenig liebevoll. Fliegt er aus der Regierung, stünde der 61-Jährige ohne Job da.

Nun muss man sich um Herrmann keine wirtschaftlichen Sorgen machen. Machtpolitisch wäre es aber günstiger, auf Merkel möglichst wenig angewiesen zu sein. Für den Franken dürfte es deshalb eine realistische Option sein, in München zu bleiben: Da ist er ja Innenminister und hat ein ungefährdetes Landtagsmandat. Auch hatte er sich aus Parteiräson, nicht aus Abenteuerlust auf die Spitzenkandidatur eingelassen. „Es ist jetzt nicht die Frage, was aus mir wird“, sagt er am Montagmorgen in seiner unaufgeregten, höflichen Art, nach nur vier Stunden Schlaf. „Ich habe Aufgaben in Bayern. Was in Berlin wird, wird sich zeigen.“

Das allerdings wohl nicht mehr in diesem Jahr. Wer welches Ministerium bekommt, entscheidet sich immer erst am Ende von Koalitionsverhandlungen. An denen nimmt Herrmann übrigens persönlich teil. Das hat den Vorteil, dass er Seehofer nicht anrufen muss. 

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