Neue Studie

Keine Integration ohne Bildung

Berlin - Bürger aus EU-Staaten und Aussiedler sind in Deutschland am besten, Türken am schlechtesten integriert. Das ist das Ergebnis einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die gestern vorgestellt wurde.

Am besten gelingt Integration in Hessen und Hamburg; die größten Defizite haben das Saarland, Niedersachsen und Bremen. In der Städtewertung steht München auf Rang eins, gefolgt von Bonn und Frankfurt/Main; Dortmund, Nürnberg und Duisburg sind die Schlusslichter.

Die Studie mit dem Titel "Ungenutzte Potenziale" analysierte acht Herkunftsgruppen: Aussiedler, Türkischstämmige, Migranten aus verschiedenen EU-Ländern, dem ehemaligen Jugoslawien, dem Fernen und Nahen Osten sowie aus Afrika.

"Mit Abstand am schlechtesten integriert ist die Gruppe mit türkischem Hintergrund", heißt es in der Untersuchung unumwunden. Obwohl sie meist schon lange im Land seien, wirke ihre Herkunft oft aus wenig entwickelten Gebieten bis heute nach. Viele ehemalige Gastarbeiter hatten keinen Schul- oder Berufsabschluss. Aber auch die jüngere Generation lässt der Studie zufolge "wenig Bildungsmotivation erkennen". Die vielleicht erschreckendsten Zahlen: Obwohl die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken bereits hier geboren ist, haben 30 Prozent keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent Abitur - das ist nicht einmal halb so viel wie bei der deutschen Bevölkerung.

Während die Vermischung mit Einheimischen bei anderen Ausländergruppen stetig steigt, stagniere sie bei Bürgern mit türkischem Hintergrund: 93 Prozent der in Deutschland Geborenen sind mit einem Partner aus der eigenen Herkunftsgruppe verheiratet.
Da in Großstädten sehr viele Türken leben, ist es für sie  besonders einfach, unter sich zu bleiben. Die Folge seien "Parallelgesellschaften, die einer Angleichung der Lebensverhältnisse im Wege stehen".

Auf der anderen Seite ist die Integration für EU-Bürger deutlich einfacher. Die meisten gehören zu der "europaweiten Wanderungselite, die leicht Beschäftigung findet und sehr gut gebildet ist" - oft sogar besser als der Durchschnitt der einheimischen Bevölkerung.

Ihre vergleichsweise hohe Bildung macht auch den Aussiedlern die Integration leichter. Nach Erkenntnissen der Studie finden sie sich auf dem Arbeitsmarkt gut zurecht und bemühen sich selbst aktiv um  Integration. Daher hat sich in dieser Gruppe auch die Situation der in Deutschland Geborenen "in jeder Hinsicht deutlich verbessert".

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass ohne ausreichende Bildung Integration "nahezu unmöglich" ist. Allerdings sei Bildung allein dafür noch keine Gewähr. Denn nach wie vor baue die Gesellschaft für Migranten Hürden auf: Selbständigen werde die Niederlassung erschwert, Abschlüsse würden nicht anerkannt. Generell wiesen Migranten bei gleicher Qualifikation höhere Erwerbslosenquoten auf als Einheimische. Folglich fordert die Studie, "offener auf Migranten zuzugehen, um deren Potenziale für die Gesellschaft besser zu nutzen".

Türkischstämmige Muslime kritisierten die Untersuchung. Die Behauptung, wonach türkische Einwanderer schlechter integriert seien als andere Gruppen, sei wissenschaftlich noch zu bestätigen, sagte der Islamwissenschaftler Bekir Alboga und verwies auf viele in Deutschland lebende erfolgreiche türkische Unternehmer, Mediziner, Schauspieler und Autoren. Auch das Zentrum für Türkeistudien (ZfT) verteidigte die Integrationsbereitschaft türkischer Migranten. Ein ZfT-Sprecher warnte davor, "eine Art Integrationswettbewerb zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu eröffnen und damit das Zusammenleben zu vergiften".

Monika Reuter

Statistik

Die Zahl der Ausländer in Deutschland steigt. Lebten 2005 hier 6,76 Millionen Menschen mit ausländischem Pass, waren es 2007 bereits 7,25 Millionen. Das entspricht einem Anteil von 8,8 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Nach dem jüngsten Mikrozensus haben 15,3 Millionen Bürger einen Migrationshintergrund. Das bedeutet, gut jeder Fünfte ist zugewandert oder stammt aus einer Zuwandererfamilie.

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