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Hinweise zur Invasion ignoriert: Ukrainische Überläufer sollten Putins Spione bei Kiew-Einnahme unterstützen

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Von: Marcus Giebel

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Spekulation um Krankheiten vom russischen Präsidenten Wladimir Putin
Wladimir Putin, russischer Präsident. (Archivbild) © Maxim Shemetov/dpa

Das große Ziel für Wladimir Putin im Ukraine-Krieg war der Sturz der Regierung in Kiew. Dafür heuerten seine Geheimdienste offenbar Überläufer aus der Ukraine an.

München - Im Ukraine-Krieg läuft für den Kreml vieles nicht nach Plan. Die Truppen von Russlands Präsidenten Wladimir Putin mussten in den fünfeinhalb Monaten diverse Rückschläge schlucken - weit mehr als sie wohl jemals für möglich gehalten hätten. Das begann schon in den ersten Tagen der Invasion mit der fehlgeschlagenen Einnahme von Kiew.

Vieles deutet darauf hin, dass Putin seine Gefolgsleute binnen weniger Stunden im Zentrum der Hauptstadt sehen wollte, um dort den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und dessen Regierungsmitglieder festzunehmen und Kreml-treue Nachfolger zu installieren. Doch nach einer wochenlangen erfolglosen Belagerung zogen die russische Truppen im Frühjahr wieder ab und konzentrieren sich seither auf den Osten und den Süden des Landes.

Putin und der Angriff auf Kiew: Russische Agenten offenbar ein Jahr vorher in Wohnungen gezogen

Selenskyj und Co. haben den Kopf also nochmal aus der Schlinge gezogen - was im Februar wohl nicht einmal viele Verbündete für möglich gehalten hätten. Stellt sich die Frage: Wurden die russischen Angreifer über- oder die ukrainischen Abwehrkräfte unterschätzt? Nun offenbart Die Welt in einem Artikel, wie Putins Spione vorgingen, um Kiews Regierungsebene zu unterwandern.

So hätten die Geheimagenten des Kreml-Chefs mindestens ein Jahr im Voraus Wohnungen in der Stadt bezogen. Genannt wird der Fall einer jungen Frau, die laut dem Nachbarn „alles andere als gesprächig“ gewesen sei, wenige Tage nach Beginn der russischen Invasion mit gepackter Tasche vor der Tür gestanden und darum gebeten habe, die Versorgung ihrer Katze zu übernehmen.

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Putin und der geplante Sturz von Selenskyj: Zwei ukrainische Überläufer sollen FSB geholfen haben

Zugrunde liegt dem Artikel ein internes Papier des staatlichen ukrainischen Übermittlungsbüros DBR als abfotografierte Datei. Angeführt wurde der Sabotagering demnach von drei Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes FSB aus Moskau - zwei Männern und einer Frau. Die Dame war zugleich akkreditierte freiberufliche Fotografin der russischen Presseagentur Tass.

Unterstützung erhielten sie von ukrainischer Seite demnach seit dem Jahr 2019 durch Volodymyr Sivkovych, früherer Parlamentsabgeordneter und von 2010 bis 2013 stellvertretender Chef des Nationalen Sicherheitsrates, und durch Oleg Kulinich, der zuletzt Vize-Chef in der Abteilung des ukrainischen Geheimdienstes SBU gewesen sei, die für die Operationen auf der Halbinsel Krim zuständig ist.

Kulinich wurde Mitte Juli festgenommen, er könnte wegen Hochverrats zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt werden. Sivkovych soll sich dagegen nach Russland abgesetzt haben.

Putin und der Ukraine-Krieg: Selenskyj entlässt seinen Geheimdienst-Chef

Der Welt-Artikel verweist auch darauf, dass die Ukraine durchaus ein gebranntes Kind hinsichtlich Doppelspionen sei. So hätten zum Zeitpunktes des Sturzes des prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch im Jahr 2014 SBU-Schätzungen zufolge die Hälfte der Mitarbeiter mindestens in einzelnen Fällen dem FSB zugearbeitet.

Die Situation soll sich zwar gebessert haben. Doch allein in der okkupierten Region Cherson im Süden der Ukraine hätten beim russischen Einmarsch 60 SBU-Mitarbeiter die Seiten gewechselt. Wohl auch einer der Gründe, warum Selenskyj seinen Vertrauten und SBU-Chef Iwan Bakanow im vergangenen Monat von seinen Aufgaben entband.

SBU-Chef Iwan Bakanow sitzt an einem Tisch und redet
War knapp zwei Jahre der Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU: Iwan Bakanow wurde im Juli 2022 von seinen Aufgaben entbunden. © IMAGO / Ukrinform

Putins FSB sucht ukrainische Verbündete: SBU-Zuständiger für Krim soll Hinweis auf Invasion ignoriert haben

Überläufer Kulinich soll den Angaben zufolge am 24. Februar um 1.03 Uhr von auf der Krim stationierten SBU-Leuten über die unmittelbar bevorstehende Invasion, die um 4 Uhr beginnen würde, informiert worden sein. Laut der Ermittlungsakte las er die Nachricht um 1.11 Uhr, leitete sie jedoch nicht weiter.

Weiter heißt es, der augenscheinlich vom FSB angeworbene SBU-Mann hätte bereits zuvor die Anweisung erhalten, den Informationsfluss zu unterbinden. Zudem sei er schon deutlich früher über die bevorstehende Invasion der russischen Truppen ins Bild gesetzt worden - ohne den genauen Zeitpunkt zu kennen. Wegen seiner Verfehlungen war er bereits am 2. März - also nicht einmal eine Woche nach Kriegsbeginn - entlassen worden.

Dem russischen Militär sollen obendrein aus dem SBU Informationen über die exakten Pläne von Minenfeldern entlang der internen Grenze zur Krim weitergereicht worden sein. Dies sei in dem DBR-Schreiben jedoch nicht aufgelistet worden.

Derweil ist Hollywood-Star Steven Seagal Sonderbeauftragter der russischen Regierung - und befindet sich auf spezieller Mission im Donbass-Kriegsgebiet.

Putins Geheimdienstarbeit: FSB-Mann sollte in SBU-Personalabteilung geschleust werden

Im Zuge des Spionagerings schwebte Putin offenbar auch vor, „den SBU wieder dauerhaft auf russische Linie zu bringen und lenkbar zu machen“. Kulinich soll daran gearbeitet haben, eine Vertrauensperson des FSB in der SBU-Personalabteilung unterzubringen, damit strategisch wichtige Positionen nach Russlands Vorstellungen besetzt werden könnten und unliebsame SBU-Mitarbeiter ihre Jobs verlieren.

Abgehörte Gespräche lassen demnach darauf schließen, dass es Sivkovych und Kulinich besonders auf einige Stellvertreter des mittlerweile entlassenen SBU-Chefs Bakanow abgesehen haben könnten. Teilweise sollen auch die Namen gefallen sein.

Wladimir Putin (l.) und Alexander Bortnikow gegen nebeneinander und unterhalten sich
Der Präsident und sein Geheimdienst-Chef: Zwischen Wladimir Putin (l.) und Alexander Bortnikow (r.) dürften die Drähte in den vergangenen Monaten geglüht haben. © IMAGO / ITAR-TASS

Putins Suche nach Selenskyj: Kiew wegen Topographie schwer einzunehmen

Letztlich kamen ihnen aber auch die Kollegen auf die Schliche. Nicht die einzige Niederlage. Dass der FSB auch den Fall Kiews trotz dieser offensichtlich professionellen Vorbereitung nicht auf den Weg bringen konnte, hängt dem Artikel zufolge womöglich auch mit der Topographie zusammen.

Auf 839 Quadratkilometern würden sich schätzungsweise sieben Millionen Menschen drängen. Neben dichten Wohnbezirken würden Industriezonen, Ödland, mehrspurige Straßen, Wälder, Parks, Abhänge, Schluchten und der Fluss Dnepr konzentrierte Aktionen erschweren.

Dennoch bleibt Selenskyj auf der Hut. Das Regierungsviertel gleiche noch immer einer Festung, riesige Betonblöcke verbarrikadieren die Zuwege. In ganz Kiew gebe es bei der Suche nach Saboteuren weitere Verhaftungen. Denn eines hat der Ukraine-Krieg auch gezeigt: Trotz aller Rückschläge gibt sich Putin nicht so einfach geschlagen. (mg)

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