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Doppeltes Elternglück mit Zwillingen. Dem neuen Familienreport zufolge steigt die Geburtenzahl.

Familienreport 2009

„Kinderarmut ist beschämend“

Berlin – Ministerin von der Leyen freut sich über wachsende Geburtenzahlen, doch Experten sehen die Erkenntnisse des Familienreports eher skeptisch.

Zum Jubel besteht noch lange kein Grund. Denn auch nach dem leichten Anstieg in den letzten zwei Jahren ist die Geburtenrate in Deutschland  mit 1,37 extrem niedrig. Mindestens 1,6 Kinder pro Frau wären nötig, um den Bevölkerungsschwund zu bremsen. Das erklärte gestern Soziologe Hans Bertram bei der Vorstellung des Familienreports 2009.

Familienministerin Ursula von der Leyen vermerkte hingegen einige positive Trends. So schätzt das Statistische Bundesamt die Gesamtzahl der Geburten 2008 auf bis zu 690 000. Das wären rund 5000 mehr als 2007, wo es bereits einen Zuwachs um 12 000 gegeben hatte. Auch die Zahl der Männer und Frauen mit Kinderwunsch sei hoch. Dass sich die Geburtenquote seit 2004 von 1,33 auf 1,37 erhöht hat, schrieb von der Leyen auch ihrer Familienpolitik zu, unter anderem dem 2007 eingeführten Elterngeld.

Unklar ist allerdings, wie sich die dramatische Wirtschaftskrise auf künftige Geburtenzahlen auswirkt. Bertram verwies in diesem Zusammenhang auf die „Katastrophen“ nach dem Absturz der Börse 1929 und nach dem Zusammenbruch der DDR. „Ich hoffe, dass nun nicht das Gleiche passiert“, so der Soziologe.

In den Jahren nach der deutschen Wiedervereinigung hatten die Wissenschaftler den weltweit schärfsten Geburteneinbruch aller Zeiten verzeichnet. Von 1990 bis 1994 sackte die Geburtenrate in Ostdeutschland praktisch auf die Hälfte ab: Statt bislang 1,52 Kinder bekamen die Frauen – statistisch gesehen – nur noch 0,78 Kinder. Aufgrund der Unsicherheit nach dem politischen Umbruch und der rasant steigenden Arbeitslosigkeit hatten sich damals nur noch wenige getraut, ein Kind in die Welt zu setzen.

Auch gestern räumte die Familienministerin ein, dass viele Eltern und Kinder in großer Bedrängnis leben. „Die Kinderarmut ist beschämend“, sagte von der Leyen. Sie verwies vor allem auf Alleinerziehende: 40 Prozent von ihnen – 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen – leben von Arbeitslosengeld II. Dies sind 660 000 Erwachsene und eine Million Kinder. Rund 200 000 erhalten ergänzende Sozialleistungen. Alleinerziehende bräuchten deshalb mehr spezifische Hilfe.

Insgesamt müsse Familienpolitik gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise Priorität bleiben, verlangte die Ressortchefin. „Das ist keine Schönwetterpolitik – ohne Familienpolitik ist kein Staat zu machen.“
Langfristig könne der Ausbau von Kinderbetreuung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und von frühkindlicher Bildung das Land krisenfester machen. Nach Berechnungen des Instituts der Wirtschaft könne nachhaltige Familienpolitik das Wirtschaftswachstum um 0,5 Prozentpunkte steigern und „fiskalische Effekte“ von bis zu 70 Milliarden Euro im Jahr bewirken. Familienbezogene Leistungen für Geringverdiener stabilisierten zudem die Kaufkraft.

Vor allem CSU-Politikerinnen reagierten positiv auf den Bericht. Die „zunehmenden günstigen familien- und kindgerechten Rahmenbedingungen“ hätten einen positiven Einfluss auf die Geburtenrate, freute sich Bayerns Familienministerin Christine Haderthauer. „In diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten zeigt sich, dass die Familie kein Auslaufmodell, sondern ein zeitloser Wert ist“, erklärte die stellvertretende Generalsekretärin Dorothee Bär.
Experten bewerteten die Erkenntnisse des Familienreports zurückhaltender. Der Anstieg der Geburtenrate sei „kein Grund zur Euphorie“, sagte die Familiensoziologin Uta Meier-Gräwe, die von der Leyen berät. „Es ist alles in allem kein Grund zur Entwarnung gegeben, aber aussterben werden wir ganz sicher nicht.“

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