Missbrauch in der katholischen Kirche

„Systembedingte Vertuschung“ im Erzbistum Köln: Kardinal räumt eigene Fehler ein - will aber nicht zurücktreten

Das Erzbistum Köln steht nach einem Missbrauchs-Gutachten heftig unter Druck. Kardinal Woelki spricht nun offen von Fehlern und Vertuschung - an Rücktritt denkt er aber nicht.

Köln - Streit und Entsetzen über den Umgang mit mutmaßlichen Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln* schlagen weiter hohe Wellen. Am Dienstag hat Kardinal Rainer Maria Woelki strukturelle Probleme und auch eigene Fehler in der schweren Krise eingeräumt. Einen Rücktritt schloss er allerdings aus.

Erzbistum Köln: Kardinal Woelki räumt „systembedingte Vertuschung ein“ - und eigene Fehler

Das in der vergangenen Woche veröffentlichte Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen gegen Priester habe „systembedingte Vertuschung“ nachgewiesen, erklärte Woelki. „Das hätte so nie passieren dürfen“, sagte der Chef des größten deutschen Bistums. Deshalb müsse nun „rigoros gehandelt“ werden, um dies für die Zukunft zu verhindern.

Woelki räumte „Chaos in der Verwaltung“ sowie ein „System aus Schweigen, Geheimhaltung und mangelnder Kontrolle“ ein. „Generell fehlte es an Mitgefühl, generell fehlte es an Empathie“, konstatierte der Erzbischof. Auch von eigenen Fehlern sprach der ranghohe Geistliche.

So habe er im Fall des mutmaßlichen Missbrauchstäters O. zwar seine rechtliche Pflicht erfüllt, aber er frage sich trotzdem, ob er „alles Menschenmögliche“ zur Aufklärung getan habe, sagte Woelki. „Das habe ich nicht getan. Ich hätte nicht nach Rom melden müssen, aber ich hätte es tun können und auch tun sollen.“ Der inzwischen gestorbene Priester O. soll Ende der 70er Jahre einen Kindergartenjungen missbraucht haben.

Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: Woelki gibt sich nach Gutachten „beschämt“, will aber nicht zurücktreten

Woelki nannte auch den Fall eines anderen Priesters, der in den 90er Jahren schwersten Missbrauch an Kindern begangen habe. Hier hätte er den Priester vielleicht früher suspendieren sollen, sagte Woelki. Er bezeichnete dies als „beschämendes Beispiel für meine persönliche Unzulänglichkeit“. Gleichwohl halte er einen Rücktritt nicht für angebracht, sagte Woelki. „Die Probleme würden nach meinem Weggang bleiben. So ein Rücktritt wäre nur ein Symbol, das höchstens für eine kurze Zeit hält.“

In der vergangenen Woche hatten Juristen ein von Woelki in Auftrag gegebenes Gutachten zum Umgang von Bistumsverantwortlichen mit Missbrauchsvorwürfen vorgestellt. Mehreren Verantwortungsträgern des Erzbistums warfen die Gutachter Pflichtverletzungen vor, so dem früheren Personalchef und heutigen Hamburger Erzbischof Stefan Heße und dem 2017 gestorbenen Kardinal Joachim Meisner. Heße hat dem Papst mittlerweile seinen Amtsverzicht angeboten. Auch der Kölner Weihbischof Ansgar Puff wurde auf eigenen Wunsch von Woelki beurlaubt.

Aus dem Gutachten hatte sich ergeben, dass aufgrund der noch verfügbaren Akten im Erzbistum Köln mutmaßlich 314 Personen - meist Jungen unter 14 Jahren - Opfer von sexualisierter Gewalt geworden waren. Der Gutachter Björn Gercke stellte fest, „dass sich Jahrzehnte offenbar niemand getraut hat, solche Fälle zur Anzeige zu bringen“. (dpa/fn) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Oliver Berg/dpa

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