Zölibat-Zoff im Vatikan

Schwere Vorwürfe gegen Papst Franziskus? Benedikt XVI. sorgt mit Reaktion für Verwunderung

Ex-Papst Benedikt wollte eigentlich zurückgezogen im Vatikan leben. Doch seinem Nachfolger beschert er immer wieder Ärger. Diesmal zu einem besonders heiklen Zeitpunkt.

  • Papst Benedikt  XVI. ist im Februar 2013 zurückgetreten.
  • Jetzt veröffentlicht der Ex-Papst ein Buch „Des profondeurs de nos coeurs“ (Aus der Tiefe unserer Herzen) das nach Ansicht von Experten für kirchenpolitischen Zündstoff sorgt.
  • Doch jetzt lenkt er ein - alles nur ein Missverständnis?

Update vom 15. Januar: Papst Franziskus hat nach dem Zölibat-Zoff ein klares Zeichen für seine Reformation der Kirche gesetzt. Noch ist die Diskussion um die Abschaffung des Zölibats in Amazonien nicht beendet, da könnte die katholische Kirche bereits vor der nächsten Revolution stehen. Erstmals wurde eine Frau in die männerdominierte Regierung des Vatikans berufen. 

Die Juristin Francesca Di Giovanni wird Untersekretärin im Staatssekretariat, teilte der Kirchenstaat am Mittwoch mit. Es ist das erste Mal, dass ein Führungsposten in dem wichtigsten Dikasterium der Kurie mit einer Frau besetzt wird. Franziskus plädiert immer wieder für mehr Frauen in Führungspositionen in der katholischen Kirche. Die römische Kurie wird aber in allen Spitzenämtern immer noch von Männern geführt.

Das Staatssekretariat ist für die diplomatischen Beziehungen und die Politik des Vatikans zuständig. Die Leitung hat Kardinal Pietro Parolin. Die 67 Jahre alte Italienerin soll die „multilateralen Beziehungen“ koordinieren - dabei geht es um die Außenpolitik des Vatikans. Di Giovanni wurde in Palermo geboren und arbeitet seit 27 Jahren im Staatssekretariat.

Sie sei von ihrer Ernennung komplett überrascht worden, sagte sie dem vatikanischen Medienportal Vaticannews. „Der Heilige Vater hat sicherlich eine innovative Entscheidung getroffen, die ein Zeichen der Aufmerksamkeit gegenüber Frauen ist. Aber die Verantwortung hängt mehr mit der Aufgabe zusammen als mit dem Fakt, eine Frau zu sein.“

Kirche: Schwere Vorwürfe gegen Papst Franziskus? Benedikt XVI. sorgt mit Reaktion für Verwunderung

Update vom 14. Januar, 13.39 Uhr: Die Äußerungen des emeritierten Papstes Benedikt zum Zölibat sorgen im Vatikan für helle Aufregung. Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein erklärte italienischen Medien, dass Benedikt nicht als Co-Autor eines entsprechenden Buches auftreten wollte. Er habe den Verlag auf Wunsch Benedikts angewiesen, dessen Unterschrift zu entfernen, zitierte die Nachrichtenagentur Ansa den deutschen Kurienerzbischof am Dienstag. Benedikt habe weder einer Co-Herausgeberschaft zugestimmt noch den Buchtitel vorab gesehen. „Es hat sich um ein Missverständnis gehandelt.“

Im Namen Benedikts und des konservativen Kardinals Robert Sarah sollte diesen Mittwoch das Buch „Des profondeurs de nos coeurs“ (übersetzt: „Aus den Tiefen unserer Herzen“) erscheinen. Darin warnen die beiden vor einer Aufweichung des Zölibats. Sarah hatte sich gegen „außerordentlich schwere Verleumdungen“ gewehrt, dass er Benedikt manipuliert habe, und veröffentlichte einen Briefwechsel mit dem deutschen Ex-Pontifex.

Das Buch wurde als Affront des ehemaligen Papstes gegenüber seinem Nachfolger Franziskus gewertet. Denn dieser will in Kürze ein sogenanntes postsynodales Schreiben veröffentlichen, in dem es auch um die Ehelosigkeit von Priestern gehen soll. Dass sich der Ex-Pontifex noch vor dem amtierenden Katholiken-Oberhaupt zu so einem heiklen Thema äußert, werteten Theologen und Kirchenexperten als Grenzüberschreitung. Denn Benedikt hatte nach seinem Rücktritt im Februar vor sieben Jahren Zurückhaltung und ein stilles Leben im Gebet gelobt.

Zoff im Vatikan: Benedikt XVI. greift Papst Franziskus mit schweren Vorwürfen an

Ursprungsmeldung vom 14. Januar 2020: Rom – Nach seinem Rücktritt im Februar 2013 hatte Papst Benedikt XVI. versprochen, er wolle fortan „für die Welt verborgen“ im Vatikan-Kloster Mater Ecclesiae seinen Lebensabend zubringen. Immer wieder hat Joseph Ratzinger diese Ankündigung mit der Veröffentlichung von Schriften, Vorträgen oder Interviews unterlaufen. Sein jüngster Akt in dieser Hinsicht ist kirchenpolitisch außerordentlich brisant. In einer Phase, in der sein Nachfolger Papst Franziskus höchstwahrscheinlich eine Lockerung des Priesterzölibats vorbereitet, spricht sich der emeritierte Papst vehement für die Beibehaltung desselben aus.

Kirche: Ex-Papst Benedikt XVI. verteidigt das Zölibat in der katholischen Kirche

An diesem Mittwoch erscheint in Frankreich ein Buch mit dem Titel „Des profondeurs de nos coeurs“ (Aus der Tiefe unserer Herzen), das den inzwischen 92 Jahre alten Benedikt XVI. sowie Kurienkardinal Robert Sarah aus Guinea als Autoren ausweist. Der 74-jährige Präfekt der Gottesdienstkongregation ist einer der schärfsten Kritiker von Franziskus und Integrationsfigur des traditionalistischen Spektrums in der katholischen Kirche. Beide warnen in dem 175 Seiten langen Buch, aus dem „Le Figaro“ Auszüge vorab veröffentlichte, vor „schlechten Einlassungen, Theatralik, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Irrtümern“. Die Kirche dürfe sich davon nicht beeinflussen lassen, Priester seien durch die „ständige Infragestellung“ des Zölibats verwirrt. Das Priesteramt erfordere „die völlige Hingabe eines Mannes“, der „Ruf zur Nachfolge Jesu“ sei ohne den Zölibat, dieses „Zeichen der Freiheit und des Verzichts auf alle Kompromisse“ nicht möglich.

Die beiden Autoren kommen in ihrem Buch auch auf die Amazonien-Synode zu sprechen, die im vergangenen Oktober im Vatikan stattfand. Dort hatte sich eine Mehrheit der Bischöfe für verheiratete Priester in entlegenen Gegenden ausgesprochen und zudem einen leichteren Zugang für Frauen in kirchliche Ämter angeregt. Beiden Vorschlägen erteilten Benedikt XVI. und Sarah eine klare Absage. In einem gemeinsam verfassten Vorwort zitieren die beiden Traditionalisten den Kirchenvater Augustinus mit dessen Ausspruch „Ich kann nicht schweigen“. Sie verurteilen dabei die Berichterstattung der Medien, die „Oberhand über die echte Synode“ gewonnen hätte.

Priestermangel in Kirche: Papst Franziskus will Zölibat lockern

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist brisant. Papst Franziskus hatte nach dem Bischofstreffen angekündigt, ein eigenes Dokument zur Amazonien-Thematik zu liefern, das in einigen Wochen erscheinen soll. Beobachter gehen davon aus, dass der amtierende Papst darin ausnahmsweise die Weihe sogenannter viri probati, also „bewährter“, verheirateter Männer zu Priestern erlauben werde, um dem Priestermangel in Amazonien beizukommen. Franziskus hatte dies in der Vergangenheit bereits angedeutet. Schon die Einberufung einer Synode zum Thema Amazonien machte klar, dass der Papst eine Diskussion auch über den Zölibat wünschte. Die überwiegende Mehrheit der Bischöfe sprach sich auf der Konferenzfür die Zulassung verheirateter Priester aus. Damit ist abzusehen, dass emeritierter und amtierender Papst zu einem der größten Diskussionsthemen in der katholischen Kirche mit unterschiedlicher Stimme sprechen.

Benedikt hatte sich bereits in einem umstrittenen Beitrag während der Familiensynode 2014 gegen die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion ausgesprochen. Nach dem Antimissbrauchsgipfel im Vatikan im Frühjahr 2019 meldete sich Joseph Ratzinger mit einer Analyse zu Wort, in der er sexuellen Missbrauch in der Kirche letztlich auf eine „Normlosigkeit“ in den 1960er-Jahren zurückführt. Unklar ist auch das genaue Zustandekommen des Buches mit Kardinal Sarah. 

Benedikt XVI. ist 92 Jahre alt, geistig noch wach, aber körperlich schwach. In einem Anfang Januar ausgestrahlten Interview mit dem Bayerischen Rundfunk ist seine Stimme kaum zu verstehen. Offenbar ist das Buch unter Federführung Sarahs und in erster Linie aus gemeinsamen Gesprächen entstanden. „Wir haben Ideen und Bedenken ausgetauscht. Wir haben gebetet und in Stille meditiert“, schreiben die beiden Autoren. Ihre Warnungen seien „aus Liebe zur Einheit der Kirche entstanden“.

VON JULIUS MÜLLER-MEININGEN

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Doch nun mischt sich der zurückgetretene Deutsche in ein kritisches Thema ein - und attackiert die Arbeit seines Nachfolgers.* 

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Rubriklistenbild: © dpa / L'osservatore Romano

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Kommentare

SeehasAntwort
(0)(0)

Einmal Fischer, immer Fischer. Ich spreche da aus Erfahrung.

General Krüger
(1)(0)

Angeblich hat Papst Benedikt seinen Fischerring nie abgegeben.

Bella ciaoAntwort
(0)(3)

Sie schätzten wirklich immer die Prinzipienfestigkeit der katholischen Kirche ? Nun bin ich platt.