Matthias Katsch, Mitbegründer des Eckigen Tisches zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche

„5000 Täter sind dem Vatikan namentlich bekannt“

Kirche soll ihre  Archive öffnen: Missbrauchsopfer fordern unabhängige Untersuchung

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Matthias Katsch war als Schüler selbst von sexuellem Missbrauch betroffen – heute ist er Sprecher der Opfergruppe Eckiger Tisch. Im Interview mit dem Münchner Merkur äußert er sich zur Missbrauchsstudie  der Katholischen Kirche.

Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisiuskollegs in Berlin, erwartet von den Bischöfen mehr Aufklärungswillen und echte Entschädigung. Das Canisiuskolleg ist ein katholisches Gymnasium unter der Trägerschaft des Jesuitenordens. In den 70er- und 80er-Jahren wurden Jugendliche an der Schule missbraucht. Wir sprachen in Fulda mit Matthias Katsch, einem früheren Opfer.

-Was halten Sie von der Studie, Herr Katsch?

Es ist gut, dass festgestellt wird, dass die ganze Sache System hat. Dem muss auch jetzt systematisch nachgegangen werden. Letzteres konnten die Wissenschaftler gar nicht leisten, das war nicht ihr Auftrag. Sie haben uns eine Ahnung davon gegeben, was das Ausmaß betrifft, was in den Akten nicht enthalten ist, wie unvollständig das ist. Kirche muss sich jetzt bereit erklären: Wir sind willig, unsere Archive zu öffnen, mit dem Staat zusammenzuarbeiten, um eine wirklich unabhängige Untersuchung in Gang zu kriegen – so, wie wir das in Pennsylvania gesehen haben. Das macht einen großen Unterschied für die Betroffenen selber – weil die ein Recht darauf haben, die Fakten zu kennen. Strafrechtlich dürfte das meiste aus der Vergangenheit verjährt sein. Diese Studie zeigt, dass die Kirche bisher alles getan hat, um dieser Rechenschaftspflicht nicht nachzukommen.

-Was meinen Sie damit?

Das Setting ist so gewählt worden, dass möglichst nicht klar ist, welches Bistum für wie viele Taten zu welcher Zeit Verantwortung trägt. Das muss in einer neuen, unabhängigen Aufarbeitung geklärt werden, damit wir Ross und Reiter kennen. Es gibt keinen Weg zurück zur Wahrheit, wo man die Frage nach der Verantwortung unbeantwortet lässt.

-Glauben Sie, dass eine staatliche Untersuchung mehr herausbringt? Viele Akten sind vernichtet.

Allerdings. Die Akten sind aber auch nur ein Teil. Wenn man nach Pennsylvania schaut: Ganz viel Information stammt aus Vernehmungen von Beteiligten. Das kann eine staatliche autorisierte Stelle auch leisten. Die kann auch den Daten- und Persönlichkeitsschutz der Beteiligten gewährleisten. Bei einer echten, ermittelnden Untersuchungskommission könnte ich als Opfer den Missbrauch melden. Dann würden die Ermittler schauen, findet sich da etwas in den Akten? Vielfach wird sich nichts finden. Gibt es noch Zeugen? Was sagen die Beteiligten? Das muss Aufarbeitung leisten, wenn sie den Betroffenen Gerechtigkeit verschaffen will.

-Welche Konsequenzen erwarten Sie von den Bischöfen hier in Fulda?

Ich erwarte nicht, dass sie mit fertigen Antworten hergekommen sind. Sie wollen sich das ja erst einmal erklären lassen – auch wenn sie die Studie schon länger kennen. Ich erwarte zwei Dinge: Dass sie die Bereitschaft erklären, an einer unabhängigen Aufarbeitung aktiv unterstützend mitzuwirken. Die muss im Einvernehmen mit dem Staat organisiert werden, denn wir haben keine Instrumentarien wie die australische „royal commission“. Wir müssen da erst eine Vereinbarung schaffen zwischen Staat und Kirche. Und das zweite ist, dass sie in Anerkennung ihrer Verantwortung als Institution sich bereit erklärt, mit ihren Opfern über Entschädigungen zu sprechen. Alles, was innerkirchlich ansteht, das kann die Kirche mit sich ausmachen. Zuallererst muss den Opfern eine Antwort gegeben werden.

-Kardinal Marx spricht von einer Wende. Glauben Sie das?

Das weiß ich nicht. Aber ich bemerke eine qualitative Veränderung im Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema. Die Reaktion der Politik und der normalen Menschen ist wesentlich heftiger als 2010. Viele sagen: Wir haben die Geduld verloren mit der Kirche. Es wird Zeit, dass etwas geschieht. Insofern könnte das ein Zeichen für eine Wende sein. Dass wir das so dramatisch empfinden, hat natürlich damit zu tun, dass es überall auf der Welt öffentlich wird und Bistümer nach und nach ihre Archive öffnen. Das zeigt, dass die Krise im Herzen der Weltkirche angekommen ist.

-Auch im Vatikan?

Wir wissen, dass dort tausende von Akten liegen. Etwa 5000 Täter sind dem Vatikan namentlich bekannt aus aller Welt. Das würde den Rest der Welt interessieren, was dort liegt. Auch das muss in einem Aufarbeitungsprozess zugänglich gemacht werden. Wir stehen vor einem echten Einschnitt. Das Hauen und Stechen, das dort zwischen einzelnen Fraktionen offensichtlich herrscht, deutet an, dass es Risse in der bisher so abweisenden und harten Fassade gibt. Das macht Hoffnung, dass es durch diese Risse mehr Transparenz und Klarheit gibt. Das ist das, was die Opfer wollen: Wahrheit und Fakten über das, was gewesen ist.

-Welches Zeichen soll von Fulda ausgehen?

Die Erschütterung, von der jetzt viel zu hören ist, die bin ich leid. Man muss uns nicht sagen, dass sexuelle Gewalt schlimm ist. Wir wissen auch, dass es den Bischöfen persönlich leid tut, da habe ich keinen Zweifel. Hier geht es aber jetzt um die Verantwortung der Institution und davor dürfen sie sich nicht weiter drücken. Dann macht es auch Sinn, sich für persönliches Versagen zu entschuldigen. Ich würde gerne hören, ob einer der Bischöfe den Mut hat zu sagen: „Ich habe in der Vergangenheit Fälle falsch gehändelt. Das tut mir heute leid und ich begreife, dass ich da was falsch gemacht habe. Ich will es in Zukunft anders machen.“ Das wäre ein Statement, vor dem ich meinen Hut ziehen würde.

Das Interview führte Claudia Möllers

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Sie wissen, dass dies überall passiert“ - Papst Franziskus äußert sich zu Missbrauchsvorwürfen

Ein Dokument unendlichen Leides: Tausendfacher Missbrauch in der katholischen Kirche

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