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Glasgow vor heftigen Debatten: Klimaziele vieler Staaten nicht ausreichend für Zwei-Grad-Ziel

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Von: Christiane Kühl

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Vor der COP26 wird vom Westminster City Council und PwC am Trafalgar Square in London eine große CO2-Blase installiert.
Installation in London vor dem Klimagipfel: Der Ballon repräsentiert eine Tonne Kohlenstoffdioxid © Loredana Sangiuliano/Imago/Zuma Wire

Am Wochenende beginnt der Klimagipfel in Glasgow. Die wichtigsten Staaten haben ihre Klimaziele von 2015 nachgeschärft. Ausreichend für das Zwei-Grad-Ziel ist die Gesamtheit der Zusagen aber nicht.

München - Sechs Jahre ist es her, dass sich fast 200 Staaten im Pariser Klimaabkommen zur deutlichen Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen verpflichteten. Doch kurz vor der am Sonntag beginnenden UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow sind die nationalen Klimaschutzbeiträge (Nationally Determined Contributions/NDC) noch immer nicht ambitioniert genug.

Alle fünf Jahre müssen die Mitgliedsstaaten ihre Ziele nachschärfen - und nach Möglichkeit immer ehrgeiziger formulieren. Doch während das Pariser Klimaabkommen eine Begrenzung der globalen Erderwärmung auf unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter fordert, steuert die Welt bei den aktuellen Plänen der Unterzeichnerstaaten nach einer UN-Erhebung auf eine Erwärmung von 2,7 Grad in diesem Jahrhundert zu. Das Erreichen des in Paris formulierten Ideals, die Erwärmung gar auf 1,5 Grad zu begrenzen, rückt trotz aller Lippenbekenntnisse in immer weitere Ferne.

Eine ganze Reihe von Klimaberichten verschiedener Forscher zeigten in den letzten Wochen allerdings dramatische Szenarien einer Erwärmung jenseits der zwei Grad. Bis 2100 wird sich die Erde demnach drastisch verändern, sollte sie weiter so behandelt werden wie bisher. Die Kosten des Nichtstuns, so erscheint es, sind weit höher als die Kosten, die für aktiven Klimaschutz aufgewendet werden müssen. In Glasgow sind daher hitzige Debatten und Klimaproteste zu erwarten.

Die großen Industrienationen (G20) wollen auf ihrem Gipfel am Wochenende in Rom neue Versprechen im Klimaschutz abgeben. Auch sie sind uneins über konkrete Ziele. Der Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, schlug daher kürzlich der EU vor, ihr politisches Kapital zu nutzen und mit China und den USA eine neue Klima-Allianz zu gründen.

China: Klimaneutralität ab 2060 - doch erst ab 2030 sollen die Emissionen sinken

Der weltgrößte Treibhausgas-Emittent China reichte seine aktualisierten Klimaziele am Donnerstag bei den Vereinten Nationen ein. Der große Wurf blieb jedoch aus, es handelte sich um Pekings bereits bekannte Selbstverpflichtung zur Klimaneutralität bis 2060. Dennoch sind die neuen nationalen Klimaschutzbeiträge (NDC) nachgeschärft, denn 2015 hatte China sich lediglich zu einem Emissions-Höhepunkt „um 2030“ sowie einer Senkung der Treibhausgas-Emissionen pro Einheit Wirtschaftsleistung um 60-65 Prozent bis 2030 gegenüber 2005 verpflichtet. Von Klimaneutralität war damals gar nicht die Rede. Die neuen NDCs sehen die Emissions-Spitze nun „vor 2030“, was China einigen Spielraum erlaubt. Peking sagt nie Dinge zu, die es nicht glaubt erfüllen zu können.

„Der Planet kann es sich nicht leisten, dass dies das letzte Wort ist“, kritisierte der Energieexperte Li Shuo von Greenpeace East Asia. China habe eine Gelegenheit verstreichen lassen, Ambition zu demonstrieren. Peking müsse bessere Umsetzungspläne vorlegen, um einen Emissions-Höhepunkt schon vor 2025 zu gewährleisten.“ Li hält aber auch die Klimapläne der westlichen Staaten für unzureichend, vor allem die der USA.

USA: Derzeit aktiv - aber aufgrund der politischen Spaltung ein unsicherer Klimapartner

Das Problem der USA ist ihre Unzuverlässigkeit aufgrund der politischen Spaltung im Land. Unter Präsident Barack Obama waren die USA eine treibende Kraft hinter dem Pariser Klimaschutzabkommen. Doch Obamas Nachfolger Donald Trump führte sein Land aus dem Abkommen heraus und verweigerte sich internationalen Anstrengungen zu mehr Klimaschutz. Noch heute leugnen weite Teile seiner Republikanischen Partei, dass der Klimawandel menschengemacht ist oder überhaupt existiert. Nach Trumps Abwahl und dem Amtsantritt von Präsident Joe Biden traten die USA dem Pariser Klimaschutzabkommen wieder bei.

Die aktuellen NDCs der USA sehen eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 50 bis 52 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2005 vor. Dies ist kompatibel mit dem im Pariser Klimaschutzabkommen formulierten Zwei-Grad-Ziel. Um die von Klimaschützern geforderte maximale Erderwärmung um höchstens 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu erreichen, sind die US-Klimaziele laut dem Analyse-Portal Climate Action Tracker (CAT) aber nicht ausreichend.

Europa: Die ehrgeizigsten Klimaziele

Die Europäische Union hatte sich vor sechs Jahren zunächst zu einer Minderung ihrer Treibhausgasemissionen um mindestens 40 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 verpflichtet. Im Dezember 2020 aktualisierten die EU-Staaten dieses Ziel - bis zum Ende des Jahrzehnts ist nun eine Reduzierung der Emissionen um "mindestens 55 Prozent" vorgesehen. Damit wird die EU dem Zwei-Grad-Ziel laut CAT gerecht. Zudem will die EU bis 2050 als erster Kontinent klimaneutral werden.

Ein Hinweis auf das Basisjahr 1990 ist wichtig: Denn die USA, China und andere Staaten beziehen ihre Reduktionsziele auf 2005 – also einem Zeitpunkt, zu dem die Emissionen weltweit bereits deutlich höher waren als 1990. Das EU-Ziel ist daher als deutlich ehrgeiziger einzuschätzen.

Noch weiter geht Großbritannien. Das inzwischen aus der EU ausgetretene Land hat sein Ziel, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, bereits gesetzlich fixiert. Im Dezember kündigte London zudem an, die CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 68 Prozent zu reduzieren. Damit wäre der britische Klimaschutzbeitrag laut CAT sogar kompatibel mit dem 1,5-Grad-Ziel.

Indien: Noch kein Ziel für die Klimaneutralität bekanntgegeben

Indien ist der aktuell drittgrößte CO2-Emittent der Welt. Dies liegt aber vor allem an der gewaltigen Größe seiner Bevölkerungszahl. Denn der sogenannte ökologische Fußabdruck jedes Einzelnen liegt dort weit unter jenem der Industrieländer. Indien hatte sich 2015 zu einer Reduzierung seiner Treibhausgasemissionen um 33 bis 35 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 2005 verpflichtet. Seine aktualisierten NDC hat das Land noch nicht eingereicht. Einen Weg zur Klimaneutralität hat Neu-Delhi ebenfalls noch nicht bekannt gegeben.

Russland: Methan in der Tundra und Klimaneutralität bis 2060

Russland trat dem Pariser Klimaschutzabkommen erst 2019 offiziell bei; seine ersten NDC legte das Land im folgenden Jahr vor. Darin vorgesehen ist eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen um 30 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 - was laut CAT eindeutig "unzureichend" ist. Vor kurzem gab Kreml-Chef Wladimir Putin dann das Ziel aus, Klimaneutralität bis 2060 zu erreichen. Details dazu gibt es bisher nicht. Bei dem Klimagipfel von Joe Biden im Frühjahr betonte Putin aber die Bedeutung sibirischer Wälder als Kohlenstoffsenke. Ein unter anderem mit Russland verbundenes Thema ist Methan: Das stark treibhausfördernde Gas steigt aus schmelzenden Permafrostböden in der sibirischen Tundra auf.

Japan: Später Einstieg in den Klimaschutz

Auch Japan ist eher spät auf das Thema Klimaschutz aufgesprungen. 2016 hatte Tokio eine Reduzierung seiner Treibhausgasemissionen um 26 Prozent bis 2030 beschlossen. Als das Land in seinen aktualisierten NDC im März 2020 dasselbe Ziel formulierte, zog dies scharfe Kritik von Experten auf sich. Im April legte die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Yoshihide Suga dann endlich ehrgeizigere Pläne vor: Demnach soll Japan bis 2030 eine Reduzierung seiner Emissionen um 46 Prozent im Vergleich zu 2005 erreichen. Bis 2050 will Japan nun klimaneutral sein.

Klimakonferenz in Glasgow: Welche Länder könnten Spielverderber sein?

Als potenzielle Spielverderber gelten indes andere Staaten: Saudi Arabien, Iran, Brasilien oder Australien. Australien besitzt riesige Rohstoffvorkommen und eine klimaskeptische Regierung. Ein Ziel für die Klimaneutralität gibt es bisher nicht. Iran ist der sechstgrößte Treibhausgas-Emittent und hat nicht einmal das Pariser Abkommen ratifiziert.

Brasilien und Saudi Arabien gaben zwar kürzlich Klimaziele bekannt, doch beide fielen bis dahin eher als Bremser auf. Auf Bidens Klimakonferenz hatte Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro überraschend Klimaneutralität bis 2050 angekündigt. Brasilien werde bis 2030 illegale Abholzung im Amazonas-Regenwald eliminieren, durch die strikte Durchsetzung existierender Forstgesetze. Doch noch brennen in Brasilien die Wälder; ob Bolsonaro es ernst meint, ist unklar. Das praktisch völlig von Exporten fossiler Rohstoffe abhängige Saudi-Arabien gab vor wenigen Tagen Klimaneutralität bis 2060 als Klimaziel bekannt. Einen Vorteil hat das Land: In den sonnenreichen Wüsten wäre massenhaft Platz für Fotovoltaik-Anlagen (ck, mit Material von AFP).

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