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China: Mehr CO2-Ausstoß als alle Industrieländer zusammen - Doch die Statistik trügt

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Von: Christiane Kühl

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Arbeiter schaufeln auf einem Kohlezug in China.
Arbeiter schaufeln Kohle auf offenen Waggons: Der Rohstoff ist Chinas größtes Klimaproblem (Archivbild) © Hu Guolin/picture alliance/dpa

China mit seiner riesigen Bevölkerung stößt pro Jahr mehr Treibhausgase aus als alle Industrieländer zusammen. Doch die Lage ist bei genauerem Hinsehen komplex.

Peking/München - China stößt pro Jahr inzwischen mehr Treibhausgase aus als alle entwickelten Länder zusammen. In einer neuen Studie schätzt die US-Denkfabrik Rhodium Group, dass China 2019 27 Prozent zu den weltweiten Emissionen von klimaschädlichem Kohlenstoffdioxid-Äquivalent (CO2e) beigetragen hat - weit mehr als die zweitplatzierten USA mit elf Prozent. Erstmals kletterte Indien nach den Berechnungen mit 6,6 Prozent auf den dritten Platz. Dort leben ähnlich viele Menschen wie in China - allerdings ist der Entwicklungsstand Indiens niedriger. CO2-Äquivalente sind eine Maßeinheit zur Vereinheitlichung der Klimawirkung unterschiedlicher Treibhausgase, die nicht in gleichem Maße zum Treibhauseffekt beitragen und über unterschiedlich lange Zeiträume in der Atmosphäre bleiben.

Nach der am Freitag präsentierten Studie haben sich Chinas Emissionen seit 1990 verdreifacht. 1990 ist das Basisjahr, auf das sich in Europa die Emissions-Reduktionsziele beziehen. Zu diesem Zeitpunkt war China allerdings deutlich weniger entwickelt als die EU - die Steigerung ist also nicht überraschend. Noch im vergangenen Jahrzehnt legten Chinas Emissionen laut Rhodium Group um 25 Prozent zu. China hat zugesagt, dass der Höhepunkt seiner Emissionen „vor 2030“ erreicht werde. Danach soll es bergab gehen.

China: Spitze bei absoluten Zahlen - pro Kopf emittieren die USA am meisten Treibhausgase

Dass das heutige Schwellenland China bei den absoluten Zahlen führt, ist nicht wirklich überraschend, da dort etwa ein Fünftel der Menschheit lebt. Doch es zählen auch andere Größen: Die Emissionen pro Kopf sowie die historisch angesammelten Emissionen. Und da liegt China nicht an der Spitze.

Die rund 1,4 Milliarden Menschen Chinas emittieren pro Kopf gerechnet 10,1 Tonnen und liegen damit aber etwas unter dem Niveau der Menschen in den Staaten der Industrieländerorganisation OECD - darunter Europa und die USA - mit 10,5 Tonnen. Einsamer Spitzenreiter bei den Pro-Kopf-Emissionen sind nach wie vor die USA: Einzelne US-Amerikaner:innen tragen mit 17,6 Tonnen pro Jahr viel stärker zur Erderwärmung bei als einzelne Chines:innen. Allerdings weist die Studie darauf hin, dass die Emissionen pro Kopf in China 2020 gestiegen sein dürften - weil dort der Ausstoß an Treibhausgasen um rund 1,7 Prozent zugelegt habe. In den meisten anderen Ländern sei der Ausstoß hingegen durch die Corona-Pandemie zurückgegangen.

Da die Klimagase für Hunderte von Jahren in der Erdatmosphäre verbleiben, sind die historischen - oder kumulierten - Emissionen eine weitere wichtige Größe. Denn die Erderwärmung ist Ergebnis der lange dort angesammelten und neuen Treibhausgase zusammen. China sei „noch weit davon entfernt“, die historischen Beiträge der Industrieländer zum Treibhauseffekt seit 1750 zu überholen, so die Rhodium Group.

Weltweit kletterte der Ausstoß 2019 laut der Rhodium-Studie auf 52 Tonnen CO2-Äquivalente - ein Zuwachs um 11,4 Prozent über das vergangene Jahrzehnt. Das Klima-Abkommen von Paris sieht vor, dass die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad bleiben soll. Klima-Aktivist:innen wie Fridays for Future fordern ein Ziel von 1,5 Grad. Schon jetzt hat sich die Erde um rund 1,2 Grad erwärmt - im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Experten sind sich daher einig, dass bis 2030 weltweit viel mehr getan werden muss, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Bei der Weltklimakonferenz in Glasgow im November sollen alle 200 Vertragspartner ihre Klimaziele und Maßnahmen nachschärfen. Darüber verhandeln viele Staaten derzeit hinter den Kulissen - einschließlich China.

China: Xi Jinping kündigt Klimaneutralität bis 2060 an

Chinas Präsident Xi Jinping hat angekündigt, dass China bis 2060 kohlenstoffneutral wirtschaften werde. Ab 2025 werde China den Kohleverbrauch senken, kündigte Xi zudem kürzlich auf dem Klimagipfel von US-Präsident Joe Biden an. Umweltexperten in China betonen, wie schwierig dies für das Land werde. Kohle hat einen Anteil von 60 Prozent am Energiemix; viele Kohleprovinzen sperren sich gegen die Kürzungen bei dem Rohstoff. Xis vor aller Welt gegebene Zusage geben der Regierung daher etwas in die Hände im Ringen mit den Provinzen. Möglicherweise kommen auf diese Weise einige der erteilten provinziellen Genehmigungen für neue Kohlekraftwerke auf den Prüfstand.

China ist zudem weltweit führend bei der Installation von Solar- und Windkraftanlagen. Der Anteil von Wind- und Solarenergie am Stromverbrauch soll nach neuen Plänen der Nationalen Energieagentur (NEA) von 9,7 Prozent in 2020 auf 16,5 Prozent in 2025 steigen. Außerdem gehen einige Regionen beim CO2e schneller voran. Shanghai etwa will den Emissionshöhepunkt für Treibhausgase schon 2025 erreichen. Die Metropole kündigte einen Aktionsplan zum Energiesparen und zur Emissionsminderung in Schlüsselsektoren wie Energie und Chemie an.

Solaranlage an Berghängen in Ruicheng in der Provinz Shanxi, China
Solarmodule auf einer Bergkette in der Provinz Shanxi: China führt nicht nur bei Kohle - sondern auch bei Solarenergie © Sam McNeil/AP/dpa

Xi hat die kohlenstoffarme Entwicklung zu einer strategischen Priorität für China erklärt“, schreibt Lauri Myllyvirta, China-Experte vom Centre for Research on Energy and Clean Air, in der Zeitschrift Foreign Policy. „Er hat sehr gute Gründe, zu handeln: Die Ernährungssicherheit, die Wasserressourcen und das regionale Sicherheitsumfeld – allesamt strategische Schlüsselelemente – wären durch einen fortschreitenden Klimawandel gefährdet.“ China wolle auch strategisch angesichts der erneuten Führungsrolle der USA international auf keinen Fall ins Klima-Hintertreffen geraten, so Myllyvirta. Ein Wettbewerb zwischen den USA und China um die beste Klimapolitik kann für die Welt nur nützlich sein. (ck/mit dpa)

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