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Mädchen an einem Klettergerüst. Insgesamt lebten im Juni vergangenen Jahres 2,052 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien, die wegen Jobverlusts oder zu geringen Lohns auf Hartz IV angewiesen waren. Foto: Julian Stratenschulte

Jung und arm

Knapp jeder siebte Minderjährige auf Hartz IV angewiesen

Jung und trotzdem arm - dieses Schicksal teilen noch immer Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland. Denn sie leben in Familien, die auf Hartz IV angewiesen sind. Ihre Zahl hat zuletzt sogar noch zugenommen - als Folge des Flüchtlingszustroms.

Nürnberg/Berlin (dpa) - Die Zuwanderung von Flüchtlingen, aber auch EU-Bürgern hat die Zahl der auf Hartz IV angewiesenen Kinder und Jugendlichen stark steigen lassen. Im vergangenen Jahr sei jeder Siebte unter 18 Jahren auf die Unterstützung der Jobcenter angewiesen gewesen.

Noch vor fünf Jahren war es lediglich knapp jeder achte Minderjährige, geht aus jüngsten Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen.

Ziehe man Hilfebedürftige mit ausländischem Pass ab, habe sich die Lage in den zurückliegenden Jahren allerdings verbessert, betonte ein Sprecher der Bundesagentur. Diese Einschätzung teilt auch Thorsten Lietzmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Es sind neue Gruppen in die Grundsicherung gekommen - und das wird bei den Kindern besonders deutlich", betont der Wissenschaftler.

Die Bundesregierung verwies unterdessen auf die im Koalitionsvertrag enthaltenen Maßnahmen, "die auch zur Bekämpfung der Kinderarmut dienen". Diese betreffen nicht nur den Kinderzuschlag, sondern auch Leistungen, die Kinder aus Hartz-IV-Familien mehr Bildung und Teilhabe sichern sollen, sagte eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums. Wichtig sei auch, dass die Eltern der Kinder eine Arbeit fänden. Wenn schon ein Elternteil Vollzeit arbeite, sänken die Zahlen deutlich.

Insgesamt lebten im vergangenen Juni 2,052 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien, die wegen Jobverlusts oder zu geringen Lohns auf Hartz IV angewiesen waren. Dies sind 5,2 Prozent mehr als im Juni 2016 und sogar 166.560 oder 8 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Die Dezember-Zahlen liegen noch nicht vor.

Einen wachsenden Anteil davon stellen inzwischen Kinder und Jugendliche aus EU-Zuwanderer- und Flüchtlingsfamilien. Nach Bundesagentur-Angaben lebten Mitte vergangenen Jahres 583.600 Kinder und Jugendliche in ausländischen Familien, die Hartz IV bezogen. Im Vergleich zum Juni 2016 entspricht dies einem Anstieg von 41,1 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2012 verdoppelte sich die Zahl der auf Hartz IV angewiesenen ausländischen Kinder und Jugendlichen nahezu.

So erhöhte sich beispielsweise die Zahl der Hartz-IV beziehenden minderjährigen Syrer zwischen Juni 2013 und Juni 2017 von 7659 auf 205.200. Die entsprechende Zahl junger Afghanen vervierfachte sich in der Zeit auf 37.061. Die Zahl junger Iraker stieg um das Zweieinhalbfache auf 51.055.

Aber auch Migranten aus der EU ließen die Zahl der jungen Hartz-IV-Bezieher steigen. Mit 30.340 sei Mitte vergangenen Jahres die Zahl junger Grundsicherungsempfänger etwa aus Bulgarien fünf Mal so hoch gewesen wie noch Mitte 2013.

Ob ein Kind auf Hartz IV angewiesen ist, hängt allerdings stark von der Region ab. Das geringste Risiko, bereits von Kindesbeinen an auf die staatliche Grundsicherung angewiesen zu sein, hat man in Bayern, wo lediglich 6,8 Prozent der Minderjährigen in Familien mit Hartz-IV-Bezug leben, gefolgt von Baden-Württemberg mit einer sogenannten Hilfsquote von 8,4 Prozent. In Bremen und Berlin ist dagegen fast jedes dritte Kind bis zum Alter von 18 Jahren auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Die Linkspartei im Bundestag forderte die Bundeskanzlerin auf, Kinderarmut zur Chefsache zu machen. "Zwei Millionen Kinder in Hartz IV sind beschämend", kritisierte der Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch. Auch der Sozialverband VDK verlangte konkrete Maßnahmen. Dringend notwendig sei eine Neuberechnung der Hartz-IV-Regelsätze der über zwei Millionen Kinder und Jugendlichen, forderte VDK-Präsidentin Ulrike Mascher. Besonders alleinerziehende Frauen hätten Probleme, mit ihrem Einkommen über die Runden zu kommen.

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