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Fordert Blauhelm-Soldaten mit einem robusten Mandat: Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden.

Interview mit Charlotte Knobloch

"Der Konflikt wird einseitig dargestellt"

München - Die Münchnerin Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist nicht zufrieden mit der deutschen Berichterstattung über den Krieg zwischen Israel und den Palästinensern.

Im Interview fordert sie deshalb mehr Solidarität von deutscher Seite und kritisiert Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

- Frau Präsidentin, Sie haben die Deutschen zur Solidarität mit Israel aufgerufen. Wo sehen Sie die Defizite?

Die einseitige öffentliche Debatte über diesen Konflikt ist für mich völlig unverständlich. Egal, welche Medienberichte ich mir in den vergangenen Tagen angesehen habe: Sie stellen alle vollkommen rücksichtslos den Blickwinkel der Palästinenser dar. Es wird ausgeblendet, dass die Terrororganisationen Hamas und Hisbollah seit Jahren Raketen auf israelische Städte feuern. Die Menschen haben in Orten wie Sderot und Aschkelon oft nur wenige Sekunden Zeit, um ihr Leben zu retten. Die Terroristen greifen gezielt die Zivilbevölkerung an.
Stellen Sie sich einmal vor, auf dem Marienplatz würden immer wieder Bomben aus Tschechien einschlagen. Hätte unsere Regierung da nicht die Pflicht, ihre Bürger zu schützen? Genau diese Pflicht hat auch die israelische Regierung.
Es geht hier um ein Land, das um sein Überleben kämpft. Darüber erfährt man bei uns jedoch kaum etwas. Ich würde mir zudem wünschen, dass sich die muslimischen Gemeinden in Deutschland objektiv und eindeutig zu diesem Thema äußern - und dies nicht den Fanatikern in den eigenen Reihen oder linken Chaoten überlassen.

- Bundeskanzlerin Merkel hat sich ja eindeutig zum Selbstverteidigungsrecht Israels bekannt.

Die Kanzlerin hat sich stets sehr objektiv über den Konflikt geäußert. Nicht gefallen hat mir dagegen Außenminister Steinmeier. Es war nicht notwendig, die negative Berichterstattung noch durch seine eigene Schuldzuweisung an Israel anzuheizen. Dabei ist doch klar: Wegen der einseitigen Aufhebung des Waffenstillstands durch die Hamas und den permanenten Raketenbeschuss auf israelische Städte tragen die Palästinenser die Schuld an der Eskalation. Das ist ein Krieg, den Israel sicher nicht verschuldet hat. Ich will aber auch ganz deutlich sagen, dass unser Mitgefühl der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten gilt.

- Könnte ein Einsatz von UN-Blauhelmen den Krieg beenden?

Ich werde oft gefragt, ob ich ein Problem sehe, wenn sich deutsche Soldaten an einem solchen Einsatz beteiligen würden. Nein, das wäre kein Problem. Die Bundesmarine leistet seit langem vorbildlichen Einsatz im Kampf gegen Waffenschmuggler vor der Küste Libanons und trägt so zum Schutz Israels bei. Wenn jetzt ein Blauhelm-Einsatz diskutiert wird, sage ich aber auch ganz klar: eine solche Mission muss ein robustes Mandat haben. Eine Beobachterrolle für Blauhelm-Soldaten genügt nicht, da sie sich Terrororganisationen gegenüber sehen.

- Inzwischen wird Israel auch aus dem Libanon beschossen. War das zu erwarten?

Ja. Wer sich die Attacken von Hamas und Hisbollah in der Vergangenheit anschaut, musste damit rechnen. Sie wollen Israel in einen Zwei-Fronten-Krieg zwingen, um das Land zu schwächen und damit ihrem Ziel näherzukommen, die einzige Demokratie im Nahen Osten auszulöschen.

-Welche Rolle spielt der Iran in diesem Krieg?

Er finanziert die Terroristen von Hamas und Hisbollah.

- Ist der Westen in der Vergangenheit zu rücksichtsvoll mit Teheran umgegangen?

Die Politik des Appeasement gegenüber dem Regime in Teheran war ein Fehler. Ich darf eine Analogie zur deutschen Geschichte ziehen: Hitler wurde ebenfalls von den westlichen Staaten lange Zeit nicht ernstgenommen. So hat man auch den Herrscher von Teheran nicht ernst genug genommen - etwa im Streit um den Bau der Atombombe. Ich weiß nicht, inwieweit dieser Fehler jetzt wiedergutzumachen ist.

- Eine Ihrer Töchter lebt mit ihrer Familie in Israel. Wie geht es ihnen?

Heute ist ein schwieriger Tag, da mein jüngster Enkel gerade zum Militär eingezogen wurde. Er ist 18 Jahre alt. Die beiden anderen wurden in Bereitschaft versetzt.

Michael Schleicher

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