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Vorbereitung für die letzte Reise: Mitarbeiter der Bestattungsfirma tragen den Sarg des verstorbenen Altkanzlers Helmut Kohl aus dem Haus in Oggersheim zum Leichenwagen. Seine letzte Ruhestätte findet Kohl am Dom in Speyer. 

Streit mit Sohn und ehemaligen Gefährten

Kohls letzter Wille: Späte Rache und viele Irritationen

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Während die Welt Helmut Kohl, den verstorbenen Altkanzler und Ehrenbürger Europas, als großen Staatsmann würdigt, tobt im Kleinen ein Grabenkrieg. Privat. Und politisch.

Oggersheim/Berlin – Walter Kohl ist mit Johannes und Leyla zu seinem Elternhaus in die Marbacherstraße 11 in Oggersheim gekommen, um zusammen mit den Enkeln Abschied vom Vater und Großvater Helmut Kohl zu nehmen. Gegen 12.30 Uhr drückt Walter Kohl auf die Klingel am Haus. Doch die dunkelbraune Eingangstür bleibt verschlossen. Fast eine halbe Stunde harrt das Familientrio in der Mittagshitze aus, beobachtet von zahlreichen Fotografen und Fernsehkameras, die das Haus des toten Pfälzers rund um die Uhr belagern. Gegen 13 Uhr kommt schließlich ein Polizist zu Kohl, um ihm mitzuteilen (so berichtet er es selbst den Medien), dass Maike Kohl-Richter gegen ihn und die Kinder Hausverbot erlassen habe, und sie das Grundstück umgehend verlassen müssten.

Was ist das: Pietätlosigkeit einer schwarzen Witwe? Oder bewusst inszenierte öffentliche Eskalation durch den Sohn in einem regelrechten Familienkrieg, der zu einer Staatsaffäre zu werden droht?

Quellen aus dem Freundeskreis des Altkanzlers, die nicht namentlich genannt werden wollen, lehnen eine einseitige Schuldzuweisung für die verfahrene Situation an Maike Kohl ab. Diese habe sich bereits über mehrere Vorgaben Helmut Kohls bezüglich der Trauerfeierlichkeiten hinweggesetzt und verfügt, dass die Söhne an der Feier teilnehmen dürfen, heißt es. Auch das überraschende Erscheinen Walter Kohls an der Haustür sei Teil von dessen Öffentlichkeitsstrategie. Man habe ihn nicht eingelassen, weil der Bestatter im Haus gewesen sei und Vorbereitungen am Leichnam vorgenommen habe, lautet diese Version. Für erheblichen Unmut habe Walter Kohl zudem gesorgt, weil er einen Telefon-Termin mit Kohls Anwalt Holthoff-Pförtner zuvor wegen Unerreichbarkeit habe verstreichen lassen. „Eine Lüge“ kontert Kohls-Sohn diesen Vorwurf umgehend. Was genau den Kern der Familienfehde ausmacht – beiderseitige persönliche Verletzungen oder, wie so oft in solchen Fällen, der leidige Streit um den „Bimbes“ (etwa den Pflichtteil aus dem Hannelore-Kohl-Erbe an die Söhne) – ist schwer zu durchschauen.

Auch Steinmeier darf nicht auf Kohls Trauerfeier

Doch die Verwerfungen betreffen nicht nur die Familie, auch längst vernarbt geglaubte Wunden in der Politik reißen wieder auf. Schon zu Lebzeiten hatte Kohl mit vielen einstigen Anhängern und Weggefährten für immer gebrochen. Die Liste ist lang: Geißler, Blüm, Süßmuth, Weizsäcker, – um nur einige zu nennen.

Das Kohls Rache über den Tod hinausreicht, zeigt das Beispiel Frank-Walter Steinmeier. Der oberste Repräsentant Deutschlands wurde für die Trauerfeier in Straßburg auf expliziten Wunsch des Verstorbenen zur Persona non grata erklärt. Der Sozialdemokrat geriet auf die schwarze Liste des Pfälzers in den Tagen des Machtwechsels 1998. Steinmeier, damals Kanzleramtsminister von Rot-Grün, warf der Kohl-Regierung vor, wichtige Dokumente vor dem Einzug der „Sozis“ in die Regierungszentrale entsorgt zu haben. „Bundeslöschtage“ hätte die Union veranstaltet, hieß es damals. Beweisen konnte Steinmeier die Vorwürfe nie. „Diese Verwerfung hat bis zuletzt nachgewirkt, er wollte Steinmeier nicht dabeihaben“, sagt ein Weggefährte unserer Zeitung.

Helmut Kohl: Sein Leben in Bildern

Doch das ist nicht die einzige politisch-pikante Personalie. Laut „Spiegel Online“ sollte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Europäischen Staatsakt in Straßburg nach den Plänen der Kohl-Witwe nicht reden. Das sollten nur ausländische Gäste. Erst die Warnung vor einem Eklat habe ein Umdenken bewirkt. Nun soll neben Ex-US-Präsident Bill Clinton, EU-Kommissionspräsident Juncker und Frankreichs Präsident Macron auch die bei Kohl seit seinem Sturz vom CDU-Ehrenvorsitz in Ungnade gefallene Merkel sprechen.

Kommentar: Streit um Kohl - ein Trauerspiel

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