60 Jahre Römische Verträge

Kommentar: Zur Einigkeit verdammt

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Jubiläen verleiten dazu, Vergangenes zu glorifizieren und Erreichtes in allzu hellem Licht erstrahlen zu lassen. Der 60. Geburtstag der Römischen Verträge könnte zu Ähnlichem verführen. Ein Kommentar von Alexander Weber.

Sicher: Die Gründungsväter der EU hätten 1957 wohl nicht zu träumen gewagt, welches Maß an Frieden, Freiheit und Wohlstand durch den Zusammenschluss der einstigen Kriegsgegner geschaffen werden würde. Und doch ist Europa im Frühjahr 2017 nicht nur zum Jubeln zumute. Zu groß scheinen die aktuellen Herausforderungen, zu verblasst die Erinnerungen an die Tragödie des einstigen, blutigen Gegeneinanders, zu ungewiss die Wege in die Zukunft.

Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU an diesem Wochenende in der Ewigen Stadt die „Agenda von Rom“ verabschieden, dann ist dieses vage Papier eher Ausdruck der Unsicherheit als ein Drehbuch für eine Erfolgsstory. Die Probleme lasten wie Blei auf der EU: Wie soll man umgehen mit Mitgliedsstaaten, die die notwendige Bereitschaft zum Kompromiss auf dem Altar kurzfristigen nationalen Nutzens opfern? Wie kann man das Brüsseler Entscheidungs-Labyrinth aus Rat, Kommission und Parlament so umbauen, dass die Bürger wieder Vertrauen fassen? Wie den Euroraum in Zeiten bald wieder steigender Zinsen auf solide Füße stellen, ohne die Schuldenstaaten mit Beleidigungen à la Dijsselbloem zu verprellen („Südländer geben ihr Geld für Schnaps und Frauen aus und halten dann die Hand auf“)? Wie die Herausforderungen der Flüchtlingsbewegungen bewältigen, ohne sich dabei zu übernehmen?

Die sich dramatisch verschlechternde Weltlage fordert rasche Antworten. Europas Anteil an der Weltbevölkerung schrumpft auf bald nur noch vier Prozent. Als Handelsmacht spielt die EU mit den USA und China – noch – auf Augenhöhe. Gewinnen die Propheten nationaler Selbstverzwergung jedoch an Boden, wird sich die Waagschale der Geschichte auch hier zu Europas Ungunsten senken.

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