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Chaos nach Brexit-Entscheidung

Kommentar: Boris Johnson, der hohle Sprücheklopfer

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München - Es hätte die große Stunde des Boris Johnson werden können. Hätte. Denn Londons Ex-Bürgermeister will sich nicht zum Nachfolger David Camerons wählen lassen. Ein feiger Zug, sagt unser Autor Mike Schier.

In London folgt Paukenschlag auf Paukenschlag: Wochenlang hatte Boris Johnson die Briten mit oft grenzwertiger Rhetorik gegen EU, Ausländer und die eigene politische Führung aufgestachelt. Jetzt, da auf der Insel das Wehklagen über die selbst gewählte Blamage immer lauter wird, da das einst stolze Großbritannien zum Klein-England zu implodieren droht – jetzt wäre der Moment gekommen, mutig voranzuschreiten: Als Premierminister hätte Johnson umsetzen können (na gut: müssen), was er wortgewaltig forderte. Stattdessen erweist sich der Ex-Bürgermeister endgültig als hohler Sprücheklopfer, der lieber den Hinterausgang nimmt und die Bühne seinem Mitstreiter Michael Gove überlässt. So schnell wird aus einem historischen Sieg eine peinliche persönliche Niederlage. Auf den Brexit folgt der Bexit. Gott sei Dank.

Die britische Politik mit ihren beiden orientierungslosen Großparteien ist damit endgültig auf dem Niveau ihrer Seifenopern im Vorabend-Fernsehen angekommen. Wie ruhig, solide und souverän wirkt im Vergleich plötzlich die zuletzt ebenfalls oft kritisierte deutsche Regierung. Gleich fünf Kandidaten bewerben sich bei den Torys um die Nachfolge von David Cameron. Auch wenn man mit Prognosen inzwischen vorsichtig sein sollte, dürften am Ende wohl Justizminister Gove und Innenministerin Theresa May übrig bleiben, um sich den Mitgliedern in einer Urwahl zu stellen. Vielleicht wählen diese ja die nüchterne May als eine Art „britische Angela Merkel“ – es wäre eine weitere kuriose Note im britischen Politdrama.

Beiden Favoriten ist gemein, dass sie den Brexit entschlossen vorantreiben wollen – auch wenn zumindest May bisher zum „Remain“-Lager gehörte. Brexit heißt Brexit, es gibt kein Zurück, stellte die Ministerin gestern klar. Die in Brüssel von vielen gehegte Hoffnung, die Briten würden den Austritt über den Umweg einer Neuwahl irgendwie rückgängig machen, scheint einen Rückschlag erlitten zu haben. Aber vielleicht kommt auch alles wieder ganz anders. In London ist nichts mehr auszuschließen.

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