Briten stimmen über den EU-Austritt ab

Kommentar zum Brexit: Das Ende des Fadens

München - Wenn die Briten ernsthaft einen Abschied von der Europäischen Union erwägen, weist das unabhängig vom Ergebnis darauf hin, dass die grandiose Idee eines vereinigten Europa in höchster Gefahr schwebt, im Regal der Geschichte mit dem Etikett „Fehlschlag“ zu enden. Ein Kommentar von Lorenz von Stackelberg.

Der Geburt einer europäischen Identität sind die Menschen zwischen Portugal und Litauen, Schottland und Griechenland in all den Jahren nicht näher gekommen – ganz im Gegenteil. Oder würden Sie Ihr Leben bedenkenlos einem Staatskonstrukt mit österreichischem Präsidenten, britischem Sozialminister, rumänischem Verteidigungsminister und italienischem Gesundheitsminister anvertrauen? Man muss nicht einmal die alte Streitfrage Bundesstaat versus Staatenbund bemühen um zu diagnostizieren, dass Europa, statt zusammenzuwachsen, rasant auseinanderstrebt. Das ist wahrlich kein Wunder. Die Experten-Erkenntnis, dass ein atomisiertes Europa sich auf Dauer gegen Wirtschaftsgiganten wie Amerika, China oder Indien nicht behaupten kann, kommt in ihrer kühlen Abstraktheit nicht gegen die emotionsträchtigen Alltagsprobleme an, die immer mehr Menschen quälen – allen voran die Schuldenkrise. Wie sollen beispielsweise Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier oder Griechen, abgesehen von ihrer Wirtschaftskraft, ein gleichberechtigtes Miteinander organisieren, wenn die einen radikal reformieren und eisern sparen, die anderen im Angesicht schwindelerregender Schuldenberge erpresserisch mit dem Offenbarungseid winken, falls Hilfe ausbleibt? Wenn egoistische Politiker, statt triste Wahrheiten auszusprechen, Lösungen vorgaukeln, wo keine sind? Wenn enttäuschte Menschen ihnen millionenfach folgen?

Dieses Europa, das als Bollwerk gegen Kriege konzipiert wurde, verkommt mehr und mehr zur Quelle neubelebter Nationalismen, es gebiert Zwietracht und Aggression – Stichwort: Flüchtlinge. Nicht ausgeschlossen, dass ein Austritt der Briten das Ende des Fadens freilegt, der das ganze Gespinst auftrennt. Wie das Referendum auch ausgehen mag: Morgen wird diese EU eine andere sein.

Rubriklistenbild: © Haag Klaus

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