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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Verhältnis zu London auf dem Tiefpunkt

Kommentar: Brüsseler Spitzen

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Mit dem Durchstechen von Details einer vertraulichen Unterredung zwischen EU-Chef Juncker und der britischen Premierministerin Theresa May hat Brüssel das Verhältnis zu London weiter belastet. Die Schlammschlacht ist im vollen Gange. Ein Kommentar von Georg Anastasiadis. 

Der EU gehe es in den Austrittsverhandlungen mit Großbritannien nicht um eine Bestrafung der abtrünnigen Insel, beteuert Europas Chefunterhändler Michel Barnier. Das zu glauben fällt schwer angesichts der jüngsten Attacken aus Brüssel: Da empfängt Premierministerin Theresa May in ihrem Londoner Amtssitz EU-Chef Jean-Claude Juncker zum Gespräch – und wird kurz darauf mit kompromittierenden Details aus der vertraulichen Unterredung öffentlich vorgeführt. Und wie aus dem Nichts taucht in den Zeitungen plötzlich die – von Brüssel nicht dementierte – Summe von 100 Milliarden Euro auf, die das Königreich angeblich in die Gemeinschaftskasse zu zahlen habe.

Mit seinen Durchstechereien setzt Juncker ein doppeltes Signal: Keiner in der EU soll auf die irre Idee kommen, den Briten nachzueifern. Und den Bürgern auf der Insel will er vor der Unterhauswahl klarmachen, dass es den von der Regierungschefin vollmundig versprochenen „Free Lunch“, das Gratis-Menü zum Abschied von Europa, nicht geben wird. Das stimmt zweifellos. Aber den erhofften Stimmungsumschwung gegen die „Brexiteers“ wird er so nicht erzwingen. Bestätigt Junckers Foulspiel doch nur das böse Bild, das viele Briten ohnehin von der dunklen Macht Brüssel und ihrer Verzinktheit haben. Theresa May hat nicht gezögert, genau auf dieser Klaviatur zu spielen, indem sie Brüssel in einer Retourkutsche vorwarf, die Unterhauswahl manipulieren zu wollen, und dem Chef-Europäer androhte, sie werde „eine verdammt schwierige Frau sein“. Juncker treibt die persönlich empfundene Kränkung an, die ihm London mit seinem „Goodbye“ zugefügt hat, May der Machterhalt. So entzweit die Politik mutwillig Völker, die sich bisher freundschaftlich verbunden fühlten. Europa erlebt im Zeitraffer die Umkehrung des Versöhnungswerks, das die EU immer war.

Das Verhältnis zu London ist kurz vor Beginn der Brexit-Verhandlungen auf dem Gefrierpunkt angelangt. Jetzt geht es mit richtig harten Bandagen zur Sache. Richtig ist: Großbritannien hat im Falle einer schmutzigen Scheidung viel zu verlieren. Aber das gilt auch für die Gemeinschaft, vor allem für ihre Exportchampions wie Deutschland. Die Kanzlerin hätte also allen Grund, deeskalierend zu wirken. Es müssen ja nicht gleich die Samthandschuhe angezogen werden. Die sind bekanntlich für Erdogan reserviert.

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