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Georg Anastasiadis

Jobkrise kümmert die Politik nicht

Kommentar: Deutschland sucht die Nazis und die Umweltsau - und vergisst die Menschen

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Der politische Betrieb kreist in einer Endlosschleife um sich selbst, die Medien führen ausschweifende Moraldebatten. Aber wer kümmert sich eigentlich um die Wirtschaft, die immer mehr Notsignale funkt? Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Haben wir, während wir gebannt Gretas Weltuntergangsprophezeiungen lauschten, was verpasst? Die Internationale Energieagentur meldet, dass die CO2-Emissionen 2019 in Europa, Japan und den USA deutlich gefallen sind – in Deutschland sogar auf ein seit den 50er Jahren nicht mehr erreichtes Niveau. Der Emissionsrechtehandel funktioniert also, auch wenn die Fridays-for-future-Bewegung unentwegt das Gegenteil behauptet.

In den Medien gibt es eine Art Wahrnehmungsverweigerung: Erfolge im Klimakampf werden ignoriert, da sie nicht in die Erzählung von der angeblich sträflich untätigen Regierung passen; da aber, wo die Regierung tatsächlich untätig bleibt, breitet sich ebenso der Mantel des Schweigens aus. Die Produktion „made in Germany“ fällt schneller als in jedem anderen europäischen Land – aber niemanden schert’s. Die Industrie-Ikone Daimler streicht 15 000 Stellen. 15 000 Einzelschicksale – aber die Regierung nimmt’s mit einem Achselzucken.

Der politische Betrieb ist damit ausgelastet, um sich selbst zu kreisen, und zwar in einer Endlosschleife: Krise der SPD, Krise der CDU, Krise in Thüringen, Krise um AKK. Und wenn zwischendrin fünf Minuten Zeit bleibt, ist jeder Satz von Greta wichtiger als die Jobsorgen zehntausender Arbeiter. Spötter sagen: Was soll nur aus dem Klima werden, jetzt, da sich die anderweitig beschäftigten Deutschen schon seit zwei Wochen nicht mehr darum kümmern können? Wenigstens diese Sorge hat die Energieagentur den Bundesbürgern genommen. Doch das Kernproblem bleibt: Bei all der Selbstbespiegelung und den Haltungsdebatten, die dieses Land mit seinem Hang zur moralischen Entrüstung nimmermüde führt, bei all der fiebrigen Suche nach Oma, der alten Umweltsau, und den (echten und vermeintlichen) Nazis in Thüringen kommt das Nachdenken darüber, wie wir unseren Wohlstand und unsere Stellung in Zeiten tiefer weltweiter Umbrüche bewahren können, zu kurz. Und wenn doch mal diskutiert wird, dann so, wie es die Aktivisten, die bewunderten Helden unserer Zeit, am liebsten haben: Die widerrechtliche Besetzung des Steinkohlekraftwerks Datteln ist prima, da ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz, ebenso das Schlechtreden von Siemens, ach was, der ganzen Marktwirtschaft. Und Friedrich Merz? Der sei, heißt es, ein Mann von vorvorgestern, weil er noch immer über so altmodische Dinge spricht wie den Zusammenhang von Wirtschaft und Wohlstand.

Die Republik durchlebt einen Wertebruch wie nie zuvor: (Klima-)Aktivismus kommt vor unternehmerischer Leistung, Staat vor Eigenverantwortung, Enteignung vor Marktwirtschaft. Nicht mehr Politiker, deren Job das Austarieren widerstrebender Interessen ist, geben die Richtung vor. Sondern Wissenschaftler und Klimalobbyisten mit ihrem verengtem Blick auf ein wichtiges, aber nicht das einzige Problem. Sieger ist, wer die Debatte mit dem schrillsten moralischen Oberton bestimmt. Das muss aufhören. Deutschland braucht seinen Pragmatismus zurück. Das heißt nicht, sich keine Gedanken zu machen über die Zukunft und die Welt, über Klima, Flüchtlinge und die AfD. Aber es darf dabei das Hier und Jetzt, in dem die Menschen ihr Leben unter widriger werdenden Umständen zu meistern versuchen, nicht vergessen. Sonst wird es von den Umständen bald unsanft daran erinnert.

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