+
Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Merkels Comeback, Spahns Aufstieg

Kommentar: Ein anderes Land

Kurz vor der Wahl erreicht die Kanzlerin wieder Spitzenwerte in der Beliebtheit. Doch die Parteiführung sollte daraus nicht die falschen Schlüsse ziehen, meint unser Kommentator Georg Anastasiadis.

Der Unionskrieg um die Flüchtlings-Obergrenze, der erbittertste Machtkampf zwischen CDU und CSU seit der Titanenschlacht zwischen Kohl und Strauß, ist entschieden. Und wie damals hat ihn auch diesmal die CSU verloren: Seehofers jüngste Volte, die Obergrenze zum „Ziel“, aber nicht mehr zur Bedingung für den Eintritt seiner Partei in eine künftige Berliner Regierungskoalition zu erklären, ist nichts anderes als die Verkündung der bedingungslosen Kapitulation aus München.

Der furiose Wiederaufstieg der Kanzlerin in den Umfragen ließ Seehofer zuletzt keine andere Wahl mehr, als die Überlegenheit Merkels anzuerkennen. Die thront in den Umfragen mittlerweile wieder dort, wo sie vor Ausbruch der Flüchtlingskrise war: ganz weit oben in lichten präsidialen Höhen, der Konkurrenz meilenweit entrückt. Es ist, als erwache die Union aus einem bösen Traum. Allein: Der Ansturm der Flüchtlinge, Merkels Entscheidung, die Grenzen zu öffnen, die Entstehung der AfD – all das war kein Traum. Merkel steht heute wieder da, wo sie vor zwei Jahren stand. Aber ihr Land ist ein anderes geworden. Dass sie es noch immer regiert und aller Voraussicht nach weiter regieren darf, verdankt sie nicht ihrer Flüchtlingspolitik. Sondern deren stiller Korrektur. Und, natürlich, den Irrlichtern dieser Welt, den Trumps, Erdogans und Putins. Und der Schwäche der Opposition.

Noch immer gilt Merkel als alternativlos. Doch das trifft nicht mehr in gleicher Weise auf ihre Politik zu. Viele Menschen sehnen sich angesichts von Gewaltphänomenen, wie sie zuletzt auch in Schorndorf eine Rolle spielten, nach kultureller Identität, nach Rückbesinnung auf einen Staat, der Grenzen zieht. Der vor dem zugewanderten Machismus nicht zurückweicht und auch nicht vor der Intoleranz jener, die (nur) für sich Toleranz einfordern. Der klarmacht, wohin die Integration der vielen neu hinzugekommenen Menschen stattfinden soll: in eine europäische Leitkultur, die die Rechte von Frauen respektiert und Religion nicht über den Staat stellt. Wenn die Kanzlerin eines Tages ihren Platz frei macht, wird nicht eine Gralshüterin des Merkelismus wie Ursula von der Leyen den Unions-Thron besteigen. Sondern einer wie Jens Spahn mit seinem Versprechen, der Union ihre konservativen Wurzeln zurückzugeben.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Tunesier in Köln soll deutlich größere Menge an Gift-Samen gelagert haben
Laut einem Medienbericht soll der Tunesier, der in Köln hochgiftiges Rizin hergestellt haben soll, deutlich mehr giftige Samen besessen haben, als bisher bekannt …
Tunesier in Köln soll deutlich größere Menge an Gift-Samen gelagert haben
Merkel spricht auf Berliner Klimaschutz-Konferenz
2010 hatte Merkel den "Petersberger Klimadialog" selbst ins Leben gerufen, um den Kampf gegen den Klimawandel zu forcieren. Nun hinkt Deutschland beim CO2-Sparen …
Merkel spricht auf Berliner Klimaschutz-Konferenz
Asylstreit mit Merkel: Kanzlerin zeigt Seehofer die Grenzen auf - der stichelt weiter
Die Asyl-Krise zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer spitzt sich zu. Zwei Wochen hat die Kanzlerin nun Zeit, um einen Bruch abzuwenden. Alle Entwicklungen rund um …
Asylstreit mit Merkel: Kanzlerin zeigt Seehofer die Grenzen auf - der stichelt weiter
Kippa-Träger mit Gürtel attackiert: Prozessbeginn in Berlin
Mehrmals schlägt der junge Mann mit seinem Gürtel zu und trifft sein Opfer mit der Gürtelschnalle. Dabei ruft er auf Arabisch "Jude". Rund zwei Monate nach dem Angriff …
Kippa-Träger mit Gürtel attackiert: Prozessbeginn in Berlin

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.