+
Hier kommentiert Georg Anastasiadis, stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur.

Von wegen nächstes Wirtschaftswunder

Kommentar: 54 Flüchtlinge? Dax-Konzerne, schämt euch!

  • schließen

Die Dax-Konzerne haben große Sprüche geklopft, was die Beschäftigung von Flüchtlingen angeht. Die Bilanz bis jetzt: 54 wurden eingestellt. Das ist beschämend wenig. Ein Kommentar. 

3,5 Millionen Arbeitnehmer beschäftigen die 30 größten börsennotierten deutschen Unternehmen. Und, ach ja, 54 Flüchtlinge. Das ist beschämend wenig angesichts von hunderttausenden gemeldeten offenen Stellen – und noch beschämender angesichts der vollmundigen Vorhersagen und Versprechungen, zu denen sich manche Konzernlenker angesichts des Flüchtlingszustroms im vergangenen Jahr haben hinreißen haben. Wie zum Beispiel Daimler-Chef Dieter Zetsche, der schon vom „nächsten deutschen Wirtschaftswunder“ schwärmte. Er hat übrigens noch keinen Flüchtling fest angestellt.

Fehlende Qualifikationen, mangelhafte Sprachkenntnisse, bürokratische Hürden bei der Anerkennung von Abschlüssen: Die Gründe, warum es am Arbeitsmarkt noch hakt für die neu Hinzugekommenen, sind mannigfaltig. An vielem wird gearbeitet. Man sollte die Flinte also nicht gleich ins Korn werfen. Die Integration von so vielen Menschen in Beschäftigung wird kein Sprint, sondern ein Marathon.

Die Dax-Konzerne überlassen die Arbeit dem Staat und den Ehrenamtlichen

Klar ist aber: Wer Flüchtlinge dauerhaft in der Ein-Euro-Job-Statistik der Arbeitsministerin verräumen will oder sie nur in irgendwelche Hilfsarbeiten drängt, legt heute die Saat für die Enttäuschungen und Frustrationen von morgen. Ohne ein Mindestmaß an Empathie kann die Mammutaufgabe, eine Million Zuwanderer in den Arbeitsmarkt zu integrieren, nicht gelingen. In vielen inhabergeführten Betrieben, gerade im Handwerk und im Mittelstand, machen Firmenchefs mit viel persönlichem Engagement vor, wie Integration gelingt. Nur dort, wo man stets am lautesten nach ausländischen Facharbeitern ruft, in den Vorstandsetagen der großen Konzerne, lehnt man sich vornehm zurück und überlässt die Arbeit dem Staat und den Ehrenamtlichen.

Schön wäre eine Selbstverpflichtung der Industrie-Giganten, Flüchtlingen mehr Beschäftigungschancen zu bieten. Das wäre viel besser, als erst große Sprüche zu klopfen und dann die Lasten doch wieder nur dem Staat und der Solidargemeinschaft vor die Tür zu karren.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Höchst unangemessen“ - Kardinal Marx geht auf Söder und Seehofer los
Am Freitag wurde der frühere mutmaßliche Bin-Laden-Leibwächter Sami A. abgeschoben - trotz gerichtlichen Verbots. Im Asylstreit übt Kardinal Marx Kritik an Markus Söder …
„Höchst unangemessen“ - Kardinal Marx geht auf Söder und Seehofer los
Wirbel um Trump-Versprecher: Merkel reagiert sehr zurückhaltend
Noch immer sorgt das Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin beim Gipfel in Helsinki für Schlagzeilen. Wir berichten weiter über die Nachwehen des Gipfels im …
Wirbel um Trump-Versprecher: Merkel reagiert sehr zurückhaltend
NSU-Waffenbeschaffer Ralf Wohlleben ist frei
Der NSU hat zehn Menschen ermordet. Eine Pistole dafür hat der frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben besorgt - urteilte das Oberlandesgericht in München. Trotzdem kommt …
NSU-Waffenbeschaffer Ralf Wohlleben ist frei
Söders Grenz-Truppe: „Großes Signal“ oder reine Symbolpolitik? 
Bayerische Polizisten dürfen seit Mittwoch an der Grenze zu Österreich kontrollieren - wenn auch nicht völlig eigenmächtig. Markus Söder feiert seine neue Einheit, trotz …
Söders Grenz-Truppe: „Großes Signal“ oder reine Symbolpolitik? 

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.