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Merkur-Redakteur Mike Schier kommentiert die Diskussionen über den Gesundheitszustand von Hillary Clinton im US-Wahlkampf.

Kommentar zu Hillary Clinton: Der Politiker als Maschine

München - Merkur-Redakteur Mike Schier kommentiert die Diskussionen über den Gesundheitszustand von Hillary Clinton im US-Wahlkampf.

Der US-Wahlkampf hat ein neues Thema: Es geht nicht mehr um Donald Trumps jüngste Kapriolen und erst Recht nicht um die drängendsten Probleme der Welt – sondern um die Gesundheit von Hillary Clinton. In die regelmäßig wiederkehrende Frage, ob die demokratische Kandidatin versucht hat, mit der halben Wahrheit durchzukommen, mischen sich – je nach Sichtweise – Hoffnung oder Sorge, die 68-Jährige sei dem anspruchvollen Amt gesundheitlich nicht mehr gewachsen.

Die Episode ist ein Beleg, welche Ansprüche im modernen Internet-Zeitalter an Politiker gestellt werden. Dabei blickt gerade das Weiße Haus auf eine lange Reihe von Präsidenten mit massivsten Gesundheitsbeschwerden zurück. Als Woodrow Wilson sich 1920 von einem Schlaganfall erholte, wurde er mehrere Monate quasi von seiner Frau Edith vertreten. Auch der von Kinderlähmung gezeichnete Franklin Roosevelt saß oft im Rollstuhl, konnte es aber fast völlig vermeiden, in selbigem fotografiert zu werden. Beides wäre heutzutage völlig undenkbar. Doch selbst John F. Kennedy plagten passive Rückenbeschwerden, bei Ronald Reagan wurde ein Darmtumor diagnostiziert – Präsident blieben beide.

Im Zeitalter der medialen Vollüberwachung können sich Politiker dagegen kaum noch eine Schwäche leisten. Sie haben zu funktionieren. Als Sigmar Gabriel im Mai ein paar Termine absagen musste, hieß es gleich: „Sorgen um SPD-Chef Wie krank ist Sigmar Gabriel?“ Horst Seehofer ignorierte die Signale des Körpers so lange, dass er beinahe mit dem Leben bezahlt hätte. Er beteuert, daraus Lehren gezogen zu haben. Dennoch sieht er bei Terminen keineswegs immer gesund aus – in Wildbad Kreuth erlitt er vergangenes Jahr einen Schwächeanfall.

Die Gesellschaft erwartet von Spitzenpolitikern die Lebenserfahrung eines 65-Jährigen, aber die Physis eines 25-Jährigen. Und in ihrem Kampf, das Vorurteil vom „faulen Politiker“ zu widerlegen, spielen diese auch noch mit. Sie wollen, sie müssen funktionieren. Immer. Die Clinton-Diskussion wäre ein guter Zeitpunkt, diese Anspruchshaltung auch in Deutschland zu hinterfragen.

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