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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

12 000 neue Flüchtlinge in 48 Stunden

Kommentar: Italiens Merkel-Moment

Als Österreichs Außenminister Kurz verlangte, aus dem Mittelmeer gerettete Flüchtlinge umgehend wieder nach Afrika zurückzuschicken, war der Aufschrei groß. Doch jetzt droht Italien selbst damit, Rettungsschiffen die Einfahrt in seine Häfen zu verweigern. Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.

12 000 neue Flüchtlinge in 48 Stunden, hundertausende weitere auf dem Sprung: Jetzt erlebt auch Italien seinen Merkel-Moment. Wie Deutschland im September 2015, als die Kanzlerin die Grenzen öffnete. Und wie damals Deutschland ist auch Italien heute allein in seiner Bedrängnis. Denn Europa, das in Sonntagsreden so gern seine Einigkeit beschwört, schaut mal wieder angestrengt weg.

Nichts spricht dafür, dass Länder wie Polen, Ungarn oder Tschechien den Italienern diesmal die Migranten abnehmen werden, die sie schon den Deutschen nicht abnehmen wollten. Doch auch die Holländer, Franzosen oder Skandinavier eilen Italien nicht zu Hilfe. Sie alle fürchten – übrigens nicht zu Unrecht – die Sogwirkung einer Politik, die Flüchtlinge nur verteilt, statt ihren Zustrom zu begrenzen. Einig war man sich nur in der Missbilligung von Vorschlägen des österreichischen Außenministers Kurz. Der wollte aufgegriffene Asylbewerber aus Afrika rigoros wieder zurückschicken, statt sie auf Rettungsschiffen nach Europa zu bringen und so das Geschäft der Schlepper zu erledigen.

Leider taugt europäischer Moralismus nicht als Ersatz für praktische Politik. Die EU hat es versäumt, eine Strategie für die Mittelmeerroute zu entwickeln, um ein Außer-Kontrolle-Geraten der Lage zu verhindern. Jetzt droht selbst das an sich großherzige Italien damit, die mit Flüchtlingen überfüllten Rettungsschiffe von Nichtregierungsorganisationen nicht mehr in seine Häfen einlaufen zu lassen. Was bleibt ihm auch anderes übrig, will es im Sommer keine Flüchtlingsrevolten im eigenen Land riskieren? Auch zur Schließung der Balkanroute kam es erst, als die betroffenen Länder mit dem Rücken zur Wand standen. Auf Hilfe aus Brüssel warteten auch sie damals vergeblich.

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