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Georg Anastasiadis

Kaum Hilfe in Italiens dunkelster Stunde

Kommentar: Italiens Not, Europas Versagen, Chinas Chance

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Große Krisen sind oft auch die Geschichten großer Sieger und Verlierer. Es ist bizarr, dass ausgerechnet China, das den Ausbruch der tödlichen Coronaepidemie lange vertuschte, plötzlich am längeren Hebel sitzt. Der Verlierer ist Europa. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.  

Zeiten tiefer Krisen holen das Beste aus den Menschen hervor – aber manchmal leider auch das Schlechteste. Wir erleben gerade große Heldentaten und rührende Gesten der Hilfsbereitschaft: wenn Ärzte und Pflegerinnen ihr eigenes Leben riskieren, um ihre Patienten zu retten. Oder wenn Nachbarn für ihre älteren Hausmitbewohner einkaufen gehen, um sie vor dem Virus zu schützen. Es gibt aber auch das Gegenteil: Menschen, die wie irre Klopapier horten und es damit anderen wegnehmen; Landbewohner, die das Auto mit Münchner Kennzeichen mit Eiern bewerfen, weil sonst hochwillkommene zahlungskräftige Städter jetzt gefälligst fernzubleiben haben. Oder andalusische Dorfbewohner, die Krankenwägen mit Steinen bewerfen, weil diese todkranke Coronakranke aus der überfüllten Nachbarklinik herbeischaffen.

Aus der Angst geborene Niedertracht macht auch vor der Politik nicht halt. Viel zu lange haben die Länder Europas den verzweifelten Italienern den Beistand verweigert, sie mit ihren sterbenden Alten allein gelassen. Nachbarländer haben hastig die Grenzen geschlossen, aber keine Ärzte und kein Material geschickt. Für Europa war Italiens dunkelste Stunde nicht gerade eine Zeit der Bewährung. Das ändert sich allmählich; erste Intensivpatienten werden in deutsche Kliniken ausgeflogen. Doch bedurfte es dafür erst der Propagandacoups aus China und Russland, die mit großer Geste (und noch größerer Berechnung) medizinisches Personal und Hilfsgerät nach Rom schickten.

China bietet sich jetzt als Retter in der Not an und kapert in der EU Brückenkopf um Brückenkopf. Auch, indem es sich europäische Hightech-Unternehmen im Ausverkauf unter den Nagel reißt. Dass ausgerechnet das Land, das mit seinem langen Schweigen und Vertuschen die Corona-Katastrophe ausgelöst hat, jetzt zu deren größten Profiteur werden könnte, ist bizarr. Italiens Enttäuschung über Europas mangelnde Empathie wird noch lange nachwirken. Die EU hat eine große Chance vertan, die Herzen seiner Bürger zurückzugewinnen. Auch das sind Krisenzeiten: Sie schaffen Sieger und Verlierer.

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