Schulz oder Gabriel?

Kommentar: Koalition der Zauderer

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München - Wer wird für die SPD als Kanzler-Kandidat ins Rennen gehen? Die Partei muss sich nun entscheiden - sonst verwandelt sich das Oberwasser rasch in einen Abwärtstrudel, meint Politik-Chef Mike Schier.

Am Freitagabend startet in Dresden der Bundeskongress der Jusos. Einen Namen sucht man bei der dreitägigen Veranstaltung des Parteinachwuchses vergebens: Sigmar Gabriel. Der Parteichef war zwar eingeladen, hat aber abgesagt. Vermutlich ist zu viel Porzellan zerschlagen worden. Beispielsweise als Gabriel vor einem Jahr in Bremen lieber zum Fußball ging statt zu renitenten Jusos.

Die Episode erzählt viel über den Gemütszustand einer Partei, die in den kommenden Wochen einen überzeugenden Herausforderer für die ewige Angela Merkel finden soll. Hier Sigmar Gabriel, der nach Ceta-Konvent und Bundespräsidenten-Poker eigentlich fest im Sattel sitzt, aber seine Partei noch immer nicht begeistert. Dort Martin Schulz, der lange, für eine überzeugende Berliner Kandidatur eigentlich zu lange, an seinem Verbleib in Brüssel arbeitete. Erst als ihm klar (gemacht) wurde, durch eine Kampfkandidatur um das Amt des Parlamentspräsidenten mindestens schwer beschädigt zu werden, wählte er die Lösung 1b. Wohl dem, der eine solche Wahl hat.

Nun muss sich die Partei entscheiden. Oder besser: Gabriel muss sich entscheiden. Schon länger wirkt es so, als wüsste der 57-jährige Vizekanzler, der im Frühjahr noch einmal Vater wird, selbst nicht, was er will. Er dürfte ahnen, dass seine Tage als Parteichef gezählt sind, sollte er erneut einem Parteifreund die Kandidatur überlassen. Und er dürfte wissen, dass sein ehrgeiziger Freund Schulz nicht nur ehrfurchtsvoll auf eine Entscheidung wartet, sondern im Hintergrund kräftig die eigenen Chancen sondiert. Die SPD steuert damit auf eine gefährliche Situation zu. Mit einer vermasselten Kandidatenkür könnte sich das Oberwasser, das sie nach dem Coup bei der Präsidentenkür und dem nicht enden wollenden Streit in der Union verspürt, rasch in einen Abwärtsstrudel verwandeln.

Nun muss Ärger dringend vermieden werden: Gestern Abend sagte auch Schulz den Jusos ab. Aus gesundheitlichen Gründen. Am Morgen sah er noch ganz fidel aus.

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