„Unser Mädchen Lisa“

Kommentar: Der Kreml zündelt in Berlin

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München - Wenn der Kreml sich zum Anwalt von Auslands-Russen aufschwingt, gilt es hellhörig zu werden. Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.

Wenn der Kreml sich zum Anwalt von Auslands-Russen aufschwingt, gilt es hellhörig zu werden – so begann einst die Kampagne gegen die sogenannten „Faschisten“ in Kiew, die schließlich zum Einmarsch in das Nachbarland führte. Derlei muss man in Deutschland zum Glück nicht befürchten. Aber kräftig zündeln lässt sich auch unterhalb der Schwelle direkter Aggression. Um nichts anderes geht es, wenn Moskaus Außenminister Lawrow den verworrenen Fall eines angeblich von Migranten vergewaltigten 13-jährigen deutsch-russischen Mädchens in Berlin – der Kreml nennt es „unser Mädchen Lisa“ – nutzt, um dem deutschen Rechtsstaat Vertuschung vorzuwerfen.

Es gebe keine Hinweise auf eine Vergewaltigung, sagen die deutschen Ermittler. „Wahrheit und Gerechtigkeit müssen siegen“, entgegnet Lawrow mit ungerührter Miene. Also so wie immer in Russland, wenn die Staatspropaganda Oppositionelle zu Staatsfeinden stilisiert, Schwule zu Pädophilen und Ukrainer zu Hitlers Wiedergängern? Man könnte kopfschüttelnd zur Tagesordnung übergehen, müsste man nicht befürchten, dass der Kreml Schlimmeres im Schilde führt. Seit Monaten bauschen russische Staatssender Probleme mit Migranten in Deutschland genüsslich auf. Der Verdacht liegt nahe, dass Kreml-Chef Putin die Deutsch-Russen als Moskaus Fünfte Kolonne für sich instrumentalisieren will. Dass er gleichzeitig manche wegen der Flüchtlingskrise ohnehin tief verunsicherten Bundesbürger in einen Zustand der Paranoia versetzt, passt zu dieser Strategie, ebenso der Versuch, sich den eigenen Leuten als starker Führer zu präsentieren. Die haben angesichts von Sanktionen, Ölpreis-Verfall und Rubelkrise viele Sorgen, von denen der Kreml gern ablenkt.

Putins Vorgehen zielt auf die Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas in Merkels verwundetem Flüchtlings-Deutschland. Und auf die Stärkung der Rechten, die er, wie auch den Front National in Frankreich, für seinen Kampf gegen die Sanktionen braucht. Zu seinem Schlachtplan gehört, mit dem Bombardement von Rebellengebieten in Syrien den Flüchtlingsstrom nach Deutschland zu befeuern, um darüber anschließend bittere Krokodilstränen zu vergießen. Das ist der Gipfel der Infamie. Man würde sich wünschen, Bayerns Ministerpräsident Seehofer und sein Vorvorgänger Stoiber würden angesichts der immer unverfroreneren Versuche Putins, unheilvollen Einfluss auf die deutsche Gesellschaft zu gewinnen, ihren für Mittwoch geplanten Moskau-Besuch absagen. Denn Autokraten beeindruckt man nicht, indem man vor ihnen katzbuckelt.

Georg Anastasiadis

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Georg.Anastasiadis@merkur.de

Rubriklistenbild: © Haag Klaus

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