Das transatlantische Bündnis

Kommentar: Merkel erhebt Führungsanspruch

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Ausgerechnet in einem CSU-Bierzelt in Bayern hat Angela Merkel ihren Führungsanspruch in Europa offen formuliert wie vielleicht noch nie - was auch in den USA nicht ohne Folgen bleiben wird. Ein Kommentar von Mike Schier.

Die konträre Politik von Donald Trump und Angela Merkel fußt auf zwei grundsätzlich verschiedenen Charaktereigenschaften. Während sich der impulsive US-Präsident bei seinen Äußerungen stets von Emotionen leiten lässt, wägt Angela Merkel lange ab, bis sie sich positioniert. Bei Trumps Ausbrüchen dürfen Verbündete wie Gegner deshalb stets darauf hoffen, dass er sich nur verbal vergaloppiert hat. Angela Merkel dagegen hat ihre jüngsten Äußerungen genau so gemeint, wie sie gesagt wurden – selbst wenn sie bei Hitze in einem Bierzelt fielen. Ihre Botschaft: Bei den Gipfeln in Brüssel und Sizilien ist etwas ins Rutschen geraten. Das transatlantische Bündnis, das die westliche Welt mehr als ein halbes Jahrhundert lang über tagesaktuelle Spannungen hinweg verband, ist in Gefahr.

Merkel dürfte ihre Skepsis gegenüber Trump schon länger hegen, doch jetzt formuliert sie ihre Bedenken: Erst nach den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich, die ohne die befürchteten Siege von Wilders und Le Pen endeten, und angesichts zurückgewonnener innenpolitischer Dominanz scheint sich die Kanzlerin stark genug zu fühlen, die über Jahre gewachsenen Grundüberzeugungen des Westens gegenüber dem neuen US-Präsidenten zu verteidigen. Vielleicht wurde sie ja auch von Barack Obama vergangene Woche in ihrer Haltung bestärkt. Es mag kurios klingen: Aber ausgerechnet in einem CSU-Bierzelt in Bayern hat Merkel ihren Führungsanspruch in einem Europa nach dem Brexit, ja eigentlich in der westlichen Welt offen formuliert wie vielleicht noch nie.

Ihre Äußerungen dürften auch in der amerikanischen Innenpolitik Spuren hinterlassen: Just zu einem Zeitpunkt, an dem die Vorwürfe russischer Einflussnahme mit Jared Kushner auch die Familie Trump direkt erreichen, versuchte Donald Trump, die Einigkeit der G7 zu zerschießen. Heimlicher Gewinner waren die Russen, seit 2014 wegen der Annexion der Krim aus dem elitären Kreis ausgeschlossen. Alles Zufall? Möglich. Aber die Fragen in Washington dürften lauter und drängender werden.

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