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MM-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Ein Jahr nach dem Satz

Kommentar zu Merkels-Credo: Wie schaffen wir das?

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München - Vor einem Jahr sprach Angela Merkel den berühmten Satz "Wir schaffen das". Was bleibt von ihrem Optimismus und wie sehr hat sich Deutschland damit in Europa isoliert?

Vor einem Jahr, am 31. August 2015, prägte Angela Merkel in der Bundespressekonferenz den berühmt gewordenen Satz, der zum Credo ihrer Willkommenspolitik werden sollte: „Wir schaffen das.“ Die Kanzlerin, die bis dahin wie keine andere das Sich-Herantasten an Entscheidungen zum Leitmotiv ihrer Politik erhoben hatte, fragte die Deutschen nicht etwa: „Wollen wir das schaffen?“. Oder: „Wie schaffen wir das?“ 

Stattdessen erhob sie Optimismus zum Staatsziel – aber ohne den Weg dorthin zu beschreiben. Leider ist in der Politik Optimismus kein guter Ersatz für einen fehlenden Plan. Entsprechend ernüchternd – manche würden sagen katastrophal – fällt heute die Bilanz aus. Noch immer warten hunderttausende Migranten auf ihren Asylbescheid. Das gelassene, in sich ruhende Deutschland, das Merkel von ihren Vorgängern übernommen hat, ist eine gespaltene und furchtsame Nation geworden. Der Vormarsch der Rechten muss jeden besorgt machen, der seine bisher so weltoffene und tolerante Heimat liebt. 

Eine Rundreise durch Osteuropa hat Angela Merkel gerade schmerzhaft vor Augen geführt, wie sehr sie ihr Land durch den Alleingang in der Flüchtlingspolitik isoliert hat. Und innenpolitisch droht ihrer CDU bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern nächste Woche die Deklassierung durch die AfD. Von Schröders Regierungszeit bleibt das Nein zum Irakkrieg und die Agenda 2010. Was wird man einst über Merkels Regierungsjahre sagen? 

Bei allem Hadern mit ihrer Politik gibt es in Deutschland noch immer einen Grundkonsens: Wir helfen Menschen, deren Leben bedroht ist – wie die Kinder, Frauen und Männer im Inferno von Aleppo. Das Engagement vieler Deutscher bei der Betreuung von Flüchtlingen hat der Welt ein inspirierendes Beispiel gegeben, wozu Menschen im Guten zum Glück auch fähig sind. Aber die Bürger sind nicht mehr bereit hinzunehmen, dass ihr Staat Flüchtlingshilfe mit dem Zulassen einer außer Kontrolle geratenen Migrationskrise verwechselt. Nicht Merkels aus der Notsituation des Jahres 2015 geborenes „Wir schaffen das“ ist das Problem. Sondern die Tatsache, dass die Menschen bis heute auf den konkreten Plan warten, wie sie das schaffen sollen.

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