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Merkur-Politik-Redakteur Mike Schier.

Zeiten des einsamen Hegemons sind vorbei

Kommentar zu Obamas Abschied: Europa gefordert

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München - Obama geht auf Abschiedstour und Merkur-Redakteur Mike Schier zieht Bilanz. Welche Folge hatte Obamas zurückhaltende Politik? Keine guten für Deutschland.

Die Deutschen haben ihren Frieden geschlossen mit Barack Obama. Eine Weile herrschte in Europa Enttäuschung vor über diesen US-Präsidenten, der mit gewaltigen Ambitionen gestartet war. Wie so oft folgte auf irrationale Euphorie die verkaterte Realität. Obama konnte Guantanamo nicht schließen, er forcierte den Drohnen-Krieg und reagierte im NSA-Skandal eher kühl auf europäische Aufwallungen. Inzwischen hat sich das Obama-Bild normalisiert – ein Blick auf den kuriosen Vorwahlkampf potenzieller Nachfolger lässt den Amtsinhaber plötzlich als hervorragenden Außenpolitiker scheinen.

Tatsächlich bietet Obamas Abschiedstour durch Europa den passenden Anlass für eine ehrliche Bilanz. Der erste schwarze Präsident hat in acht Amtsjahren eine Zäsur der US-Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen. Der Abzug aus dem Irak und Afghanistan nahm die Bush-Doktrin de facto zurück, traf den Nerv der kriegsmüden Amerikaner und vieler Kritiker der USA weltweit. Nur: Die Welt ist dadurch leider nicht sicherer geworden. Eher im Gegenteil. Die Fortsetzung dieser Politik der Zurückhaltung in Libyen und vor allem in Syrien sowie das Unterschätzen des IS hat das Leid der Region noch verschärft. Jetzt sind Millionen auf der Flucht, die Russen in das Machtvakuum des Nahen Ostens vorgedrungen.

Es wäre aber zu einfach, all diese Entwicklungen den Amerikanern anzulasten. Zur Wahrheit gehört: Obamas Zurückhaltung fordert vor allem Europa – in der Ukraine, in Nordafrika, in Syrien. Die EU droht an dieser neuen Verantwortung fast zu zerbrechen: Deutschland geht voran, weckt aber Sorgen vor einem neuen Hegemon. In Frankreich legt der außenpolitische Druck die innenpolitischen Schwächen offen. Und England? Will am liebsten davonlaufen. Kein Wunder, dass Obama in London so vehement gegen den Brexit zu Felde zog. Amerika braucht eine geeinte EU. Eine starke EU. Denn Obamas Vermächtnis lautet: Die Zeit des einsamen Weltpolizisten USA ist vorbei.

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