Zur Wahl von Frank-Walter Steinmeier

Kommentar: Der richtige Kompass

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Selten war die Wahl eines Bundespräsidenten so parteipolitisch aufgeladen wie diesmal. Dafür sprach die zuweilen fast ein wenig peinliche Euphorie, mit der die SPD „ihren“ Kandidaten feierte. Und erst recht die offensichtliche Zerrissenheit der Union, vor allem der CSU. Ein Kommentar.

Es wirkte fast, als wolle Norbert Lammert die Wahlfrauen und -männer der Union noch ein wenig quälen. Der scheidende Bundestagspräsident unterstrich mit seiner herausragenden Rede zur Eröffnung der Bundesversammlung, was für ein guter Präsident er selbst gewesen wäre. Ob sich Angela Merkel rechtzeitig und intensiv genug um ihn als Kandidaten bemüht hat, werden erst Historiker herausfinden. Doch Tatsache ist: Angesichts der klaren, klugen, kritischen, aber teilweise auch humorvollen Worte dürfte es vielen in CDU und CSU noch schwerer gefallen sein, Frank-Walter Steinmeier zu wählen.

Sicher, der Bundespräsident sollte über den politischen Parteien stehen und kaum jemand bestreitet, dass Steinmeier, schon immer eher Diplomat als parteipolitischer Raufbold, dieses Amt überparteilich ausfüllen wird. Dennoch war die Wahl eines Bundespräsidenten lange nicht mehr so parteipolitisch aufgeladen wie diesmal. Dafür sprach die zuweilen fast ein wenig peinliche Euphorie, mit der die SPD „ihren“ Kandidaten für das Schloss Bellevue feierte. Und erst recht die offensichtliche Zerrissenheit der Union, vor allem der CSU. Dass es Horst Seehofer (gemeinsam mit der AfD) nicht über sich brachte, bei Lammerts Plädoyer gegen Isolation als Lehre aus dem schmerzhaften 20. Jahrhundert Beifall zu klatschen, muss irritieren. Der CSU-Vorsitzende sollte bei seinem zunehmend hilflosen Lavieren für und gegen Merkel aufpassen, nicht den Kompass zu verlieren, der dieses Land seit Jahrzehnten sehr erfolgreich leitet.

Es wird eine der entscheidenden Aufgaben des neuen Präsidenten sein, diesen Kompass hochzuhalten. Wie Joachim Gauck hat sich auch Frank-Walter Steinmeier ein einzelnes Wort zurecht gelegt, das als Überschrift für seine Präsidentschaft dienen soll. Auf „Freiheit“ folgt nun „Mut“. Das mag nicht wahnsinnig originell anmuten, doch wenn sich Steinmeier öfter an seinem meinungsstarken Vorgänger orientiert, wäre das kein Schaden. Zumindest sein Motto stimmt: Ein wenig Mut kann diesem ängstlichen Land tatsächlich nur gut tun.

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