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Georg Anastasiadis ist Stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur.

Umfrage: Union verliert 2 Millionen Wähler

Kommentar: Noch eine Völkerwanderung - in der Union

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München - 2,1 Millionen – so groß ist die Zahl der Wähler, die CDU und CSU laut Emnid-Umfrage seit August den Rücken gekehrt haben. Noch eine Völkerwanderung also. Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.

Bis zu 1,5 Millionen Zuwanderer erwarten Migrationsexperten bis Ende des Jahres in Deutschland. Ihnen stehen 2,1 Millionen Abwanderer gegenüber – bei der Union. So groß ist die Zahl der Wähler, die CDU und CSU laut Emnid-Umfrage seit August den Rücken kehrten. Damals hatte die Willkommens-Euphorie ihren Höhepunkt erreicht.

Für die Union droht Merkels Flüchtlingspolitik damit das zu werden, was Schröders Agendapolitik für die SPD war: der Sprengsatz, der den Zerfall des bürgerlichen Lagers einleitet. Was für SPD-Wähler das Symbolthema „soziale Sicherheit“ ist (besser: war), ist für Unionswähler der starke, kulturell abendländisch geprägte Schutzstaat. Den hat die Kanzlerin quasi zum Auslaufmodell erklärt, indem sie zu verstehen gab, dass Deutschland die hunderttausendfache Verletzung seiner Grenzen „machtlos“ hinnehmen müsse. CSU-Chef Seehofer sieht in der Missachtung der Dublin-Regeln durch Berlin sogar die „Kapitulation des Rechtsstaates“. Das sind starke Worte, die eigentlich den sofortigen Rückzug der Berliner CSU-Minister zur Folge haben müssten. Doch diese Konsequenz scheut die CSU.

Es stimmt: Die Kurs auf Schwarz-Grün nehmende Kanzlerin schafft auf einem fundamentalen Politikfeld gerade Fakten mit weitreichenden Folgewirkungen für das Land. Dafür nimmt sie schwere Zerrüttungen in der Unions-Wählerschaft in Kauf, die ihr dafür kein Mandat erteilt hat. Doch bei aller Kritik daran: Die Rolle eines konservativen Oppositionsführers kann Seehofer auf Dauer nicht glaubwürdig spielen. Jedenfalls nicht, solange er nicht den Preis dafür zu bezahlen bereit ist: Dieser Preis wäre die Aufkündigung der Koalition, die Spaltung von CDU und CSU und der Einmarsch der Merkel-Partei in Bayern, kurzum: das Ende der Alleinherrschaft. Das droht freilich auch, wenn Seehofer die Kanzlerin gewähren lässt, zur Freude der voreilig für tot erklärten AfD. So oder so: Für die CSU wird gerade ein Albtraum wahr.

Georg Anastasiadis

Sie erreichen den Autor per E-Mail an: Georg.Anastasiadis@merkur.de

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