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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Merkels ärgster Kritiker regiert Amerika

Kommentar: Berlin unter Schock

Für Berlin sind mit der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten die schlimmsten Albträume wahr geworden. In der Flüchtlingspolitik verliert die Kanzlerin einen ihrer letzten Partner. 

Update vom 20. Januar 2017: Bereits gestern waren einige Sänger und Acts dran, doch heute wird es ernst. Donald Trump wird vereidigt. Wir berichten vonDonald Trumps Vereidigung am Inauguration Day im Live-Ticker.

Update vom 19. Januar 2017: Nun ist der Tag gekommen: Donald Trump wird als 45. US-Präsident vereidigt. Wir haben eine hier für Sie genauen Ablauf zur Amtseinführung zusammengefasst und verraten, wo Sie die Wahl live im TV sehen können.

Uncharmanter hat noch keine Bundesregierung einem US-Präsidenten zur Wahl gratuliert. Sie stehe unter „schwerem Schock“, bekannte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gestern im Frühstücksfernsehen. Das war, was schwer zu schaffen ist, noch ein bisschen dümmer als jüngst der öffentliche Seelen-Striptease von Außenminister Steinmeier, ihm werde bei Trump „bange, was aus dieser Welt wird“. Wahlempfehlungen von außen werden in den USA wenig geschätzt. Ob es dem Berliner Politik-Betrieb nun passt oder nicht: Man wird mit diesem von den amerikanischen Bürgern gewählten Präsidenten zusammenarbeiten müssen – und sollte daher alles unterlassen, was das Verhältnis zur wichtigsten Partnernation noch weiter belastet. Wenn die Bundesregierung künftig alle Verbündeten, die sich für einen anderen politischen Weg entscheiden als Deutschland, mit derselben Häme überschütten will wie nach dem Brexit die alten Freunde in London, könnte es bald recht einsam werden um die Kanzlerin.

Wobei Berlin allen Grund hat, unter Schock zu stehen: Mit ins Zentrum seines Wahlkampfs hatte Donald Trump seine Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik gerückt. Sie gipfelte in dem Satz, Hillary Clinton wolle „Amerikas Angela Merkel“ sein. Das war nicht nett, aber wie schon in der Brexit-Debatte überaus wirksam. Man mag beklagen, dass mit dem Trumpismus die Emotionen über den politischen Verstand und die Vulgarität über den argumentativen Diskurs siegten. Aber wenn die etablierten deutschen Parteien ein bisschen aufmerksamer in ihr Volk hineinhorchen würden, könnten sie hier zu ihrem grenzenlosen Erstaunen die gleichen Hilferufe wie in Amerika vernehmen: Hilfe vor Jobverlust und sozialem Abstieg, vor Kulturverlust und Überfremdung.

Trump hat seinen Wählern Schutzzonen versprochen. In denen sollen sie sich etwas sicherer fühlen vor den eisigen Stürmen der Globalisierung und der viel gepriesenen Digitalisierung. Diese beschert den hippen Städtern in den Glitzermetropolen und den Bankern an Wall Street Traumgehälter, vielen Bewohnern der „Main Street“ aber Rationalisierung und Jobverlust. Der globalen Entgrenztheit setzt Trump Grenzen entgegen – und keinen „humanitären Imperativ“. Zwar ist längst nicht klar, ob und wie der Mann seine vollmundigen Versprechen erfüllen kann. Aber klar ist, dass seine Antworten auf manche Fragen unserer Zeit bemerkenswert anders (und zukräftiger) sind als jene, die in Berlin und Brüssel gegeben werden. Der Brexit konnte von einer Allparteienkoalition von Grün über Rot bis zu Merkel-Schwarz noch als Betriebsunfall abgetan werden. Trumps Sieg aber ist „too big to ignore“. Die nächsten Dominosteine könnten schon bald in Kerneuropa fallen.

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