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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Europa und der neue US-Präsident

Kommentar: Deutsche Oberlehrer

Es hagelt Ermahnungen: Europas Spitzenpolitiker können sich nur schwer mit dem Gedanken arrangieren, dass im Weißen Haus künftig Donald Trump sitzt.  Diese oberlehrerhafte Attitüde nervt, findet unser Kommentator Georg Anastasiadis.

Ein erstes Telefonat, immerhin, hat die Kanzlerin mit dem US-Wahlsieger Donald Trump schon geführt. Über Inhalte wurde zunächst nichts bekannt. Aber man darf hoffen, dass Angela Merkel dem neuen US-Präsidenten nach ihrer „Gratulationsrede“ vom Mittwoch keine weiteren Belehrungen in Sachen Demokratie und Grundwerte hat zuteil werden lassen, die sie besser an die Adresse Ankaras gerichtet hätte. Auch wenn manche von Trumps Auftritten beschämend waren, ist doch festzuhalten: In Washington hat sich, anders als es die hysterischen Reaktionen vermuten lassen, kein Diktator an die Macht geputscht.

Schneller als in manchen elitären Zirkeln Europas, wo man sich gar nicht genug empören kann über die Dummheit der US-Wähler, hat man das an den weltweiten Börsen kapiert. Dort, wo die Zukunft gehandelt wird. An der Wall Street schoss der Dow-Jones-Index bereits am Donnerstag auf einen historischen Höchststand und entlarvte Warnungen sogenannter Experten, dass eine Trump-Wahl die Börsen in die Tiefe reißen würden, als das, was sie waren: Angstmache des Establishments. Das heißt zwar noch lange nicht, dass mit dem Neuen nun alles gut wird. Ein neuer US-Isolationismus und eine Welle des Protektionismus könnten noch zu erheblichen Verwerfungen führen – gerade in Europa, das Amerika braucht, als Schutzmacht und als Absatzmarkt. Aber auch wirtschaftspolitisch ist Schwarzmalerei zumindest verfrüht. Das von Trump angekündigte gigantische Investitionsprogramm in Amerikas marode Infrastruktur dürfte einen Konjunkturimpuls auslösen, von dem auch Europas Exporteure erheblich profitieren. Das gilt auch für die versprochenen Steuersenkungen für Amerikas untere Mittelschicht – etwas, wovon man hierzulande nur träumen kann. Trump mag als Politiker unerfahren und ein Rüpel sein – aber er ist ein schlauer Geschäftsmann mit Sinn für einen „good deal“.

Deutschland wäre deshalb gut beraten, mit Trump rasch ins Geschäft zu kommen. Statt den Amerikanern nun oberlehrerhaft Ermahnungen in Sachen Bündnistreue zu erteilen, sollte Verteidigungsministerin von der Leyen zusehen, dass Berlin endlich seine eigenen Zusagen an Nato und USA in puncto Verteidigungsausgaben einhält.

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