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Georg Anastasiadis

Forscher-Verein löscht Gastbeitrag des Kabarettisten Dieter Nuhr

Kommentar: Die Wissenschaftler und   der Fall Nuhr - jeder blamiert sich, so   gut er kann 

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Erst bat die „Deutsche Forschungsgemeinschaft“ den Kabarettisten Dieter Nuhr um eine Audio-Botschaft, dann, als ein Netz-Mob randalierte, löschte man den Beitrag hastig wieder. Zurück bleiben Fragen, wie es um die Denkfreiheit in Deutschland bestellt ist. Unser Autor, Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis, sagt: schlecht. 

Die „Deutsche Forschungsgemeinschaft“ (DFG) blickt auf eine stolze Geschichte zurück. 100 Jahre alt wird der von den Steuerzahlern üppig mit Geld bedachte, der Öffentlichkeit aber wenig bekannte Verein der Wissenschaftler in diesem Jahr, und deshalb hielt man es dort für eine gute Idee, Prominente für sich werben zu lassen. Der Kabarettist Dieter Nuhr war gerne dabei. „Wissenschaft weiß nicht alles, ist aber die einzige vernünftige Wissensbasis, die wir haben. Deshalb ist sie so wichtig“, sagte Nuhr in einer kurzen Audio-Botschaft. Wissenschaftliche Meinungen, fuhr der Kabarettist mahnend fort, könnten sich aber ändern, wenn sich die Faktenlage ändere, weshalb man nicht blind den Propheten hinterherlaufen solle, die ständig „folgt der Wissenschaft“ riefen. Das war nicht besonders kontrovers oder anstößig, sondern eine ziemlich präzise Beschreibung der Realität in einem lernenden System: Auch die Corona-Debatte gelangt nicht an ihr Ende, solange Bürger, Politiker und Forscher mit sich stetig ändernden wissenschaftlichen Erkenntnissen und Einschätzungen konfrontiert werden.

Trotzdem war es keine Überraschung, dass eine verniedlichend „Online-Community“ genannte Netzmeute sogleich einen Shitstorm anzettelte. Sie tut das bei Nuhr aus Prinzip, weil der Kabarettist in seinen Witzchen nicht nur die AfD aufs Korn nimmt, sondern gern auch mal die Klimaaktivistin Greta und andere links-grüne Ikonen. So weit, so erwartbar. Weniger erwartbar war die Reaktion der DFG, die vor dem Twitter-Mob sogleich auf die Knie ging, den Beitrag löschte, sich bei den Nutzern entschuldigte und – ganz im Sinne der Netz-Ankläger – Nuhr nun mehr oder weniger subtil in die Nähe der Klimawandel- und Wissenschaftsleugner rückte. Jetzt ist die rasende Internet-Meute zufrieden, aber die Forscher haben zu Recht eine viel gefährlichere Debatte am Hals: Um die Freiheit des Denkens und um den wissenschaftlichen Diskurs in Deutschland ist es nicht gut bestellt, wenn kritische Stimmen schon wegen ein paar Klicks selbst ernannter Sittenwächter und Volkspädagogen mundtot gemacht werden.

Mit ihrem feigen Einknicken hat sich Deutschlands oberste Instanz der Wissenschaftsförderung selbst zum Hauptakteur in einem Lehrstück darüber gemacht, was in unserem Land falsch läuft. Es handelt von Erzählweisen, die man zwar hinterfragen darf, aber oft genug nur um den Preis gesellschaftlicher Ächtung. Der Historiker Andreas Rödder sieht „immer tiefer in die Wissenschaft vordringende Denk- und Frageverbote“ als „ernste Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit“. Die „Selbst-Konformisierung der Wissenschaft“ gefährde die intellektuellen Grundlagen der demokratischen Öffentlichkeit. Wer Kritik als Ketzerei verfolgt, landet wieder im Mittelalter; mit dem bizarren Umstand, dass ausgerechnet Deutschlands zentrale Wissenschaftsorganisation im Fall Nuhr selbst in die Rolle des Inquisitors schlüpft. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat ihrem Anliegen einen fürchterlichen Dienst erwiesen. Daran ändern auch die gestern nachgeschobenen Beschwichtigungsversuche nichts mehr.

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