„Mehr ist derzeit nicht drin“

Kommentar zu Junckers Europa-Rede: Ein ehrliches Papier

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Bestandsaufnahme statt Masterplan: Zum 60. Geburtstag der EU will Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker den Weg für das Bündnis diskutieren. Eine gute Entscheidung, sagt unser Autor Alexander Weber.

Aus Schaden wird man klug. Statt eines hochfliegenden, detailreichen Masterplans zum baldigen 60. Geburtstag der Europäischen Union, mit dem die bald 27 Mitgliedstaaten von Brüssel zentral beglückt werden sollen, hat EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eine Art Bestandsaufnahme vorgelegt, auf deren Grundlage Europa über seinen Weg in die Zukunft diskutieren soll. Es ist ein ehrliches Papier, weil es die tatsächliche Bandbreite der aktuellen Diskussionen auflistet: Fünf Szenarien – von der Rückführung der EU zu einer reinen Handelsmacht bis hin zur Vision eines in allen zentralen Politikbereichen geeinten Europas – stellen die Optionen dar, die den Europäern zur Entscheidung über ihre Rolle in der globalisierten Welt zur Verfügung stehen.

Mehr ist derzeit nicht drin – Geburtstagspathos hin oder her. Wer weiß denn schon, welches Gesicht die EU am Ende dieses Jahres, nach Wahlen in vielen wichtigen Ländern (vor allem in Frankreich), haben wird? Zwar spüren immer mehr Europäer, dass der alte Kontinent seine Kräfte bündeln muss, wenn er im Konzert der globalen Egomanen nicht untergehen will. Gleichzeitig gibt es aber unüberwindliche Widerstände gegen die Vision einer Brüsseler Zentralregierung. Die wahrscheinlichste Option bleibt deshalb die EU der verschiedenen Geschwindigkeiten.

Das klingt vielleicht wenig sexy. Doch in diesen turbulenten Zeiten ist ein Mindestmaß an Vernunft und Realitätssinn nicht die schlechteste Richtschnur.

Rubriklistenbild: © Haag

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