Kanzlerkandidatur 

Kommentar: Martin Schulz und die SPD - Euphorie ohne Antworten

  • schließen

München - Die alte Tante SPD erwacht wieder zu neuem Leben, so scheint es. Doch kann die Kandidatur von Martin Schulz mehr als nur ein Strohfeuer entfachen? Ein Kommentar von Alexander Weber.

Seit Martin Schulz das Erbe des SPD-Spitzenamtes von Sigmar Gabriel übernommen hat, geht es aus Sicht der Sozialdemokraten endlich wieder in die richtige Richtung: raus aus dem Jammertal der Merkel-Opfer, rauf mit den Mitgliederzahlen, rauf in den Umfragen und damit näher ran an die Macht in Berlin. So mancher brave Sozi kann die wundersame Wandlung binnen weniger Tage kaum glauben.

Immerhin: Schulz setzt auf Sieg und nicht auf Platz, und seinen Machtanspruch ergänzt er durch jenes hohe Maß an Empathie, zu dem Gabriel gegenüber der Partei nicht in der Lage war, welches das Herz der Sozialdemokraten aber dringend braucht. Und doch: Gefühl und Mut allein reichen nicht aus, um aus dem Strohfeuer der Anfangseuphorie eine Glut zu bilden, die einen ganzen Wahlkampf lang lodert, wenn das inhaltliche Profil unscharf bleibt. „Besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will“, hatte SPD-Übervater Willy Brandt seinen Genossen zum Abschied ins Stammbuch geschrieben. Aber genau diese Antworten auf der Höhe der Zeit fehlen bei Schulz noch.

Wenn der Mann aus Würselen sich als Schutzpatron des kleinen Mannes profiliert und den Bäckerlehrling benennt, der brav seine Steuern zahlt, während Konzerne ihre Gewinne rund um die Welt schicken, dann hat er ein wohlbekanntes Problem beschrieben, aber noch keinen Lösungsweg aufgezeigt. Die soziale Frage geht angesichts der Herausforderungen durch die Digitalisierung mittlerweile weit über den Rahmen von Tarifbindungen, Lohnhöhen oder Rentenniveaus hinaus. Derzeit sprudeln die Steuerquellen wie nie. Aber wie sollen jene staatlichen Leistungen – etwa kostenlose Bildung von der Kita bis zum Studium – in Zukunft erwirtschaftet werden, wenn der Faktor Mensch und seine Arbeit in der digitalen Zukunft immer weniger wichtig werden?

Rubriklistenbild: © Klaus Haag

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Merkel zur Türkei: Weitere Schritte vorbehalten
Der Konflikt mit der Türkei eskaliert und eskaliert. Die Bundesregierung hat ihren Kurs bereits verschärft. Manchen reicht das nicht. Die Kanzlerin schließt weitere …
Merkel zur Türkei: Weitere Schritte vorbehalten
Kommentar zu Erdogan-Streit: Der lange Arm Ankaras
Das deutsch-türkische Verhältnis ist schwer belastet. Das verbale Getöse von Staatschef Erdogan und die Festnahme des Schriftstellers Dogan Akhanli am Wochenende …
Kommentar zu Erdogan-Streit: Der lange Arm Ankaras
News-Ticker zum Terror in Barcelona: Ermittler verfolgen neue Spur
Nach dem Anschlag in Barcelona ist die Polizei den Verdächtigen auf der Spur. Es gibt Hinweise, dass die Terrorzelle einen noch größeren Anschlag plante. Alle …
News-Ticker zum Terror in Barcelona: Ermittler verfolgen neue Spur
Trump will künftigen Afghanistan-Kurs verkünden
Als Privatmann war Trump klar dafür, dass die USA ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Im Wahlkampf und bisher als Präsident hat er das Thema sichtlich gemieden. Jetzt …
Trump will künftigen Afghanistan-Kurs verkünden

Kommentare