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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Amerikas Rückzug, Russlands Vormarsch

Kommentar: Putins Europa

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In Amerika gibt es dieser Tage nur Verlierer - und in Russland den großen Gewinner: Wladimir Putin kommt seinem Ziel, Europa wieder zur russischen Einflusssphäre zu machen, umso näher, je mehr Amerika um sich selbst kreist, meint unser Autor Georg Anastasiadis.

Ist Wladimir Putin jetzt Donald Trumps neuer „best buddy“, einer, mit dem man prima Deals aushandeln kann, von Supermacht zu Supermacht? Oder ist er der „Mörder und Verbrecher“, den der mächtige US-Senator McCain in ihm sieht? Oder alles zugleich, wie der zwischen den republikanischen Fronten tänzelnde designierte Außenminister Rex Tillerson meint? Eines ist Putin ganz bestimmt: der große Gewinner dieser Tage im amerikanischen Tollhaus.

Die Bösartigkeit, mit der sich Trump und die Geheimdienste bekriegen („Leben wir in Nazi-Deutschland?“), der tiefe Graben, der die amerikanische Gesellschaft spaltet, der maßlose Feldzug, den der neue Präsident gegen die Medien des Landes führt: All das wirft nicht nur dunkle Schatten auf die (bisherige) Führungsmacht der freien Welt, sondern weckt grundlegende Zweifel am Zustand der liberalen Demokratien und ihrer Überlegenheit gegenüber den gelenkten Systemen in Moskau und Peking. Wer spricht noch über Putins dunkles Mafia-Russland, wenn in Washington eine Schlammschlacht abgeht, die kein Hollywood-Regisseur fieser hätte ersinnen können? Für Demokratieverächter, die auch in Europa lieber heute als morgen neue Führerstaaten errichten würden, sind das Festtage.

Hinzu kommt Amerikas Rückzug aus der Rolle des Garanten einer liberalen Weltordnung. In (Ost-)Europa stellt man sich zu Recht die Frage, was unter Präsident Trump das US-Beistandsversprechen in der Nato noch wert ist. Und ob es ratsam sein könnte, stattdessen unter Moskaus Schutzschirm zu kriechen. Der KGB-Schüler Putin wird nicht zögern, diese Unsicherheit zu schüren, indem er in den heraufziehenden Wahlkämpfen in Deutschland, Frankreich und Holland alle (in den USA erfolgreich erprobten) Methoden der Destabilisierung einsetzt, die das Internetzeitalter für aggressive Autokraten bereithält. Es besteht die reale Gefahr, dass es danach einen in sich geschlossenen, kohärent handelnden Westen nicht mehr gibt. Nur noch eine zwischen Washington, Moskau und Peking dreigeteilte Welt. Mit einem Europa, in dem man wieder mehr Russisch spricht.

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