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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Wohlfahrtsverband: Armut auf Höchststand

Kommentar: Stunde der Lobbyisten

Der Paritätische Wohlfahrtsverband schlägt Alarm: Nie zuvor seit der Wiedervereinigung seien so viele Menschen in Deutschland armutsgefährdet gewesen wie jetzt. SPD, Grüne und Linkspartei sehen sich bestätigt. Doch stimmt das überhaupt? Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.

Ist Deutschland, Europas viel beneideter ökonomischer Kraftprotz, in Wahrheit ein verkapptes Armenhaus? Ein Land auf dem Weg in die Massenverelendung? Auf diesen Gedanken könnte kommen, wer den neuen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands liest. Doch das Spektakulärste daran ist – mal wieder – die gelungene Lobbyarbeit der Sozialindustrie.

Tatsächlich sagt die vom Wohlfahrtsverband bemühte Statistik wenig über die wahre Lage aus: Arm ist demnach, wer in einem Haushalt lebt, der weniger als 60% des mittleren Einkommens aller Haushalte erzielt. Wenn dieses mittlere Einkommen, wie zuletzt durch den starken Jobzuwachs, aber deutlich wächst, kann auch einer, dessen Einkommen zwar ebenfalls gestiegen ist, aber nicht so stark, plötzlich als „arm“ gelten. Dasselbe gilt für hunderttausende der 2,8 Millionen Studenten, die sich selbst keineswegs so abgehängt und perspektivlos fühlen, wie es der Paritätische Wohlfahrtsverband aus seiner Statistik gern herauslesen würde.

Wer seriös diskutieren will, um zu entscheiden, ob die 52 Prozent des Etats, die der Bund schon jetzt in soziale Leistungen pumpt, noch immer zu wenig sind, müsste Armut anders messen: indem man Bedarfe und Warenkörbe festlegt und regelmäßig aktualisiert. Das ist aufwenig und aus Sicht der Sozialverbände unergiebig, weil sich dann ihre These von der unablässig steigenden Armut schnell als Fata Morgana entpuppte. Und auch das Wahlkampfjuwel eines Martin Schulz – die (verlorene) „Gerechtigkeit in diesem Lande“– funkelte dann nicht mehr ganz so hell.

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