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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Der Bundestag und der Terror

Keine Zeit für Trauer

Als der Terror Frankreich heimzusuchen begann, antwortete der Staat mit dem ganzen republikanischen Programm - mit Festakten, Sondersitzungen der Nationalversammlung und der Bewegung „Je suis charlie“. Und in Deutschland? Da ist nicht mal eine zentrale Gedenkstunde im Bundestag geplant. Ein Fehler, meint unser Autor Georg Anastasiadis.   

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt steht Deutschland, wie überall zu lesen ist, „unter Schock“ – aber doch wieder nicht so sehr, dass die zänkischen Parteien nicht zügig wieder zur Tagesordnung übergegangen wären. Schon am Tag nach der Katastrophe wurden, in beide Richtungen übrigens, die ganz großen Moralkeulen geschwungen. Merkwürdig still ist es aber um die Toten. Eine zentrale Gedenkfeier im Bundestag oder vor dem Brandenburger Tor für die zwölf unschuldigen Opfer des ersten großen Terroranschlags in Deutschland? Fehlanzeige.

Keine Frage: Ein traumatisches Ereignis wie das Berliner Attentat muss politisch aufgearbeitet werden, Vollzugsdefizite dürfen und müssen ebenso diskutiert werden wie neue Gesetze. Aber zuerst muss die Nation zusammenrücken, ihre Opfer beweinen, sich ihrer Werte vergewissern, sich schwören, dass kein Terror uns in die Knie zwingen kann. Wie das geht, hat Frankreich nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo zelebriert. „Je suis charlie“, bekundeten damals voller Inbrunst auch hunderttausende Bundesbürger. Doch jetzt, da das Unheil die eigene Nation getroffen hat? Die Untat pragmatisch abzuhandeln, sie wegzuschieben aus Sorge, die Falschen könnten daraus Kapital schlagen, kann nicht der richtige Weg sein.

Im Gegenteil: In Stunden tiefer Verunsicherung kann ein wenig republikanisches Pathos ein Land wie ein großes Lagerfeuer wärmen. Ein Helmut Schmidt wusste das, als er vor 40 Jahren den RAF-Terroristen den Kampf ansagte. Doch durch das Berlin des Jahres 2016 weht nur noch der eisige Wind eines immer unversöhnlicher ausgetragenen Flüchtlingsstreits. Für Gemeinsinn ist da nur noch wenig Platz.

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