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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Der CSU-Chef zwischen Merkel und Putin

Kommentar: Seehofers gefährliche Schaukelpolitik

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Zum dritten Mal reist Horst Seehofer zu Wladimir Putin. Das hat er gestern angekündigt. Mitten im deutschen Wahlkampf, in dem der Kreml nach einer Warnung des BND kräftig mitmischt,  macht der CSU-Chef Merkels größtem Gegenspieler seine Aufwartung. Der Kanzlerin kann das kaum recht sein, meint unser Autor Georg Anastasiadis. 

Familie kann man sich nicht aussuchen. Freunde schon. Dem überaus frostig verlaufenen „Versöhnungstreffen“ mit der Unions-Schwester Angela Merkel ließ CSU-Chef Horst Seehofer jetzt die freudige Ankündigung folgen, bald wieder zu seinem Freund Wladimir Putin nach Moskau zu fliegen. Noch mehr quälen kann der Bayer die Kanzlerin nicht: Während sie an der diplomatischen Front, zuletzt in Polen, mit aller Kraft für die Aufrechterhaltung der Sanktionen kämpft und der BND eindringlich vor russischer Einflussnahme im deutschen Wahlkampf warnt, antichambriert Seehofer im Kreml. Bei dem Mann, dessen Politik er zuletzt schon mal als „nobel“ verteidigte. Das werden manche anders sehen. Vor allem die Angehörigen der bis zu 13 000 Syrer, die nach jüngsten Berichten in den Folterkellern des Putin-Schützlings Assad zu Tode kamen.

Indem er nun auch in der Russlandpolitik Angela Merkel konterkariert und gemeinsame Sache mit deren Erzgegner Putin macht, schwächt Seehofer die angeschlagene Kanzlerin ein weiteres Mal – und er gibt dem Merkel-kritisch eingestellten Teil seiner Wähler augenzwinkernd zu verstehen, dass das mit dem Frieden von München doch nicht so gemeint war. Ein gefährliches Spiel. Denn mittlerweile gibt es einen neuen Oppositionsführer in Deutschland. Der heißt nicht mehr Horst Seehofer. Sondern Martin Schulz.

Seehofers Doppelspiel, einerseits auf die Kanzlerin zuzugehen, andererseits aber weiter maximale Distanz zu ihr zu demonstrieren, dient dem Zweck, die empörten Merkel-Kritiker in der CSU ebenso bei Laune zu halten wie deren Anhänger. Was aber, wenn er mit seiner Schaukelpolitik am Ende alle gegen sich aufbringt? So wie gestern die CSU-Fraktion? Dann könnte es bald viele aus der Kurve tragen – als erstes die erschöpfte Kanzlerin. Man muss nicht das Gras wachsen hören können wie der Fuchs aus München, um aus dem mirakelhaften Schulz-Aufstieg herauszulesen, wie groß die Merkel-Müdigkeit im Lande ist: Der Regierungschefin selbst ist die Enttäuschung über den Liebesentzug durch die Bürger ins Gesicht geschrieben. Sollte Seehofer allerdings glauben, er könne einen möglichen Sturz der Kanzlerin überleben, so hat er sich vermutlich verrechnet. Denn der Verlust der Macht würde auch ihm angelastet. Und neue Gesichter wünscht sich mancher Wähler nicht nur in Berlin. Sondern auch in München.

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