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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Am Mittwoch beantragt London den EU-Austritt

Kommentar zum EU-Austritt der Briten: Schwarzer Mittwoch

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Heute flattert der Brexit-Brief aus Großbritannien auf den Tisch von EU-Chef Juncker. Zwei Jahre Zeit bleiben ab jetzt für die Scheidungsverhandlungen - und für einen letzten Funken Hoffnung. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.  

Dass Europa in der tiefsten Krise seiner jüngeren Geschichte steckt, weiß inzwischen jedes Kind. Heute kriegt es der grau gewordene Chef-Europäer Jean-Claude Juncker auch noch schriftlich: Höflich wie die Briten sind, hat Theresa May noch die Jubelfeiern zum 60-jährigen Bestehen der EU in Rom abgewartet, bevor sie ihren Scheidungsbrief nach Brüssel losschickte. Er eröffnet ein zweijähriges Trennungsverfahren, an dessen Ende alle ärmer sein werden. Die Briten. Und die 27 von ihnen verlassenen EU-Länder. Es ist ein Schwarzer Mittwoch für Europa.

Auf der Insel ist die anfängliche Euphorie über die zurück erlangte Freiheit längst verflogen. Von den vollmundigen Versprechen der „Brexiteers“ ist wenig übrig geblieben. Mehr Geld für die Krankenversicherten? War gelogen. Weiter freier Zugang zum Binnenmarkt? Geplatzt wie eine Seifenblase. Die Schotten? Auf dem Sprung. Wie einsam es ohne europäische Freunde in der Welt sein kann, dämmerte vielen Untertanen ihrer Majestät erst in jenem entwürdigenden Moment, als Theresa May im Weißen Haus mit Donald Trump Händchen halten musste.

Doch auch dem schlitzohrigen EU-Chef sind die Witzeleien vergangen: Britanniens Abschied ist auch seine ganz persönliche Tragödie. Unter Junckers Führung hat sich der Spaltpilz in der Union eingenistet. Ohne die Engländer, jene überzeugten Kämpfer für Freiheit, Wettbewerb und offene Märkte, wird die EU nur noch ein Rumpf-Europa sein, das schnell auf planwirtschaftliche Abwege geraten kann. Wie ein überdimensionaler Club Med.

Das wäre kaum noch der in Rom feierlich beschworene europäische „Traum weniger, der zur Hoffnung für viele“ wurde. Eher ein Albtraum. Es braucht deshalb schon eine große Portion Optimismus, um den Brexit gleichwohl auch als Chance, als Weckruf zu begreifen. Der Brexit kam ja nicht aus dem Nichts. In ihm traf sich das – berechtigte – Gefühl von Bevormundung, Zentralismus, Bürokratie, von der Abgehobenheit der Brüsseler Eliten mit der Zerstörungswut der Populisten. Viele haben seither dazulernen müssen: In der EU-Zentrale muss man zur Kenntnis nehmen, dass der Traum von der „immer engeren Union“ ausgeträumt ist, dass der Nationalstaat bis auf weiteres der Handlungsrahmen jedweder Politik bleibt und dass Migration nichts ist, was man den Bürgern von Brüssel aus überstülpen kann. Und die Europahasser verstehen heute (hoffentlich) etwas besser, dass die Trumps und Putins, denen sie voreilig zugejubelt haben, außer nationalistischem Pathos, Lügen und Einschüchterung den Bürgern wenig anzubieten haben.

Je mehr sich die von den starken Männern in Washington, Moskau und Ankara verfolgten Politikentwürfe selbst delegitimieren, desto heller strahlt das manchmal anstrengende, aber immer leidenschaftlich um Interessensausgleich ringende Europa, das, auf den Trümmern zweier vernichtender Weltenbrände errichtet, dem Kontinent die historisch längste Periode des Glücks und der Prosperität garantiert hat. Vielleicht wird man das in zwei Jahren auch im Vereinigten Königreich so sehen. Und wer weiß: Vielleicht ist dann in London eine Regierung im Amt, die die Souveränität besitzt, das bis dahin mit der EU ausverhandelte Scheidungsabkommen noch einmal den Wählern vorzulegen. Ist das hoffnungslos optimistisch? Kann sein. Aber wer hätte gedacht, dass, während Putin seine Schläger gegen Russlands junge Leute losschickt, auch Europas Jugend sich erhebt? Zu Zehntausenden. Woche für Woche. Nicht gegen Europa. Sondern dafür.

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