Georg Anastasiadis, Chefredakteur des Münchner Merkur., Kommentar.
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Georg Anastasiadis, Chefredakteur des Münchner Merkur.

Öde Coronazeit lockt hunderttausende Junganleger an die Börse

Kommentar zum Fall Gamestop: Flashmobs machen Börse zur Zockerbude

  • Georg Anastasiadis
    vonGeorg Anastasiadis
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Mal Hand aufs Herz: Wer von uns ist nicht auch ein wenig schadenfroh, wenn zehntausende Börsen-Davids sich im Internet verbünden, um die Goliaths, sprich die großen Hedgefonds, zur Strecke zu bringen, indem sie deren Milliardenwetten durchkreuzen? Doch die Vorgänge rund um das Unternehmen Gamestop sind nicht lustig. Sondern ein schrilles Warnsignal, meint Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

München - Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein: Zehntausende Kleinanleger verbünden sich auf Facebook und lehren die bösen Börsenhaie das Fürchten. Sie tun das, indem sie auf Handelsplattformen wie „Robinhood“ gemeinsam Kurse von Unternehmen hochtreiben, gegen die große Hedgefonds zuvor gewettet hatten.

So hat es sich in den letzten Tagen abgespielt bei Gamestop und AMC Entertainment - dahindümpelnde Unternehmen, deren Aktienkurse sich ohne erkennbaren Grund binnen Tagesfrist vervielfachten. Die großen Spekulanten, die auf fallende Kurse gewettet hatten, mussten ihre dadurch entstandenen Milliarden-Verluste hektisch ausgleichen und gerieten dadurch in Schieflage. Ende gut, alles gut?

Kommentar zum Fall Gamestop: Plötzlich rauschten Kurse von Dax-Unternehmen ab

Ganz so einfach ist es leider nicht: Dieselben Hedgefonds, die bei manchen Aktiengesellschaften, deren Geschäftsmodellen sie misstrauen, auf fallende Kurse setzen, besitzen zugleich riesige Aktienpakete „guter“ Unternehmen, die sie auf den Markt werfen müssen, um ihre Verluste auszugleichen. Der heftige Kursrutsch bei Dax, Dow & Co. vom Mittwoch kam so zustande. Das wiederum schadet Millionen anderen Kleinanlegern, die an der Börse nicht zocken, sondern ein bisschen Rendite für ihre Altersabsicherung erwirtschaften wollen.

Nicht nur große Hedgefonds können mit riskanten Strategien die Stabilität des Finanzmarkts gefährden. Auch das durch soziale Medien verstärkte Herdenverhalten vieler Marktteilnehmer kann destabilisierend wirken. Die „Robinhoods“ sind nicht so putzig, wie sie scheinen. In den USA ermittelt bereits die Börsenaufsicht wegen der Börsen-Flashmobs.

Kurskapriolen, wie sie diese Woche zu beobachten waren, sind leider ein Zeichen für übermäßige Spekulationsneigung, die nicht selten Abschwüngen vorausgeht. Vor allem viele Junganleger haben in der Coronazeit die Börse als Freizeitbeschäftigung für sich entdeckt. Hunderttausendfach haben sie Depots bei Online-Brokern eröffnet. Das ist gut für die Aktienkultur - aber nur, solange sie die Börse nicht mit einer Zockerbude verwechseln.

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